Konzert Händels „Messias“ in der Martinskirche

Immer mit Fliege: der Knabenchor capella vocalis.
Immer mit Fliege: der Knabenchor capella vocalis. © Foto: pr/capella vocalis
Metzingen / Manfred Frischknecht 10.04.2017

Die Mauern und Fenster der Martinskirche hielten stand. Was war geschehen? Am Abend des Palmsonntags wurde das Oratorium „Der Messias“ aufgeführt. Das Werk verdankt seine Entstehung einer Idee von Charles Jennens (1700 bis 1775). Der wohlhabende Engländer sammelte selbst Bibelzitate und war ein Fan des nach England verzogenen Deutschen Georg Friedrich Händel  (1685 bis 1759). Händel wiederum war wegen seiner verlustreichen Kompositionen und Aufführungen von Opern im italienischen Stil wirtschaftlich pleite und sollte nach Jennens Meinung die Bibelzitate vertonen.

Was Händel denn auch tat. In nur drei Wochen komponierte er das etwas mehr als zwei Stunden dauernde Werk, das sich bald in England und später auf der ganzen Welt als ein Publikumsrenner der besten Klasse etablierte. Wenn man die herausragendsten Werke der gesamten Musikliteratur betrachtet, zählt der Messias (englisch „Messiah“) neben der Matthäuspassion von Bach und der 9. Symphonie von Beethoven zu den allerersten Glanzlichtern.

Sowohl Händel selbst als auch andere Musiker, darunter sogar Mozart, haben das Werk bearbeitet und zum Teil auch verändert. Die Uraufführung fand 1742 im irischen Dublin statt. In Metzingen wurde das Werk in der Fassung der Uraufführung und ohne Holzbläser gegeben. Als Oratorium stellt der Messias keine szenenlose Oper dar, ist keine kirchliche Kunst, und er besitzt auch keine Handlung im eigentlichen Sinn, obwohl sich die weitgehend sorgfältig ausgewählten alttestamentarischen und die aus dem Neuen Testament stammenden Texte  mit dem Kommen und der Geburt Jesu, seinem Leben und der Hoffnung auf Errettung der Menschheit befassen.

Das Werk beginnt mit einer Sinfonia, deren gravitätischer erster Teil aus punktierten, fast stockenden und zögernden Rhythmen besteht, um dann in eine Fuge zu münden, die aber nicht konsequent durchgeführt wird. Und das alles in trostlosem Moll. Man könnte die Auffassung vertreten, Händel hätte mit diesen schneidenden Dissonanzen auf musikalische Art ausdrücken wollen, dass in dieser Welt etwas nicht stimmt und dass man deshalb den Messias brauche.

So folgt denn diesem Anfang die erste Tenorarie auf die Worte „Tröste dich“, ein in einer Dur-Tonart gehaltenes Musikstück, das ungemein versöhnlich und hoffnungsvoll verstanden wird und von dem Tenor Klemens Mölkner mit seiner weichen Stimme meisterhaft gesungen wurde, wobei insbesondere seine herrlichen Crescendi bestachen.

Auch der Bariton Johannes Hill eroberte die Gunst der Zuhörer mit kraftvoll zupackender Stimme, die sich im Laufe des Abends noch steigerte und in der letzten Arie einen Höhepunkt erreichte. Die für Frauenstimmen vorgesehenen Rezitative und Arien wurden von jungen Sängern vorgetragen. So erfreuten der 14-jährige Gymnasiast Til Krupop aus Tübingen mit seiner engelhaften und lupenreinen Sopranstimme und der Jungstudent Jan Jerlitschka mit seiner herzhaften Altstimme die Zuhörer, auch zeigten beide keinerlei  Anzeichen von irgendwelcher Aufregung oder Lampenfieber.

Als Streicher wirkte das Barockorchester Pulchra Musica mit, das von dem Dirigenten Christian Bonath gegründet wurde und makellos begleitete, wenn auch das „Pifa“-Intermezzo, die Pastoralsinfonie mit ihrer feinfühligen Melodie etwas zu kurz geriet. Hauptakteure waren aber die annähernd 50 Sänger des Reutlinger Knabenchors capella vocalis. Es war eine helle Freude, zuzuhören und zuzuschauen, wie da junge Menschen beste klassische, genauer: barocke Musik sangen und das alles auch noch in englischer Sprache. Und zwar der schönen, der feinen englischen Sprache.

Dem Dirigenten Christian Bonath ist mit dieser Aufführung durch junge Sänger ein ganz großer Wurf gelungen. Und es war wohltuend, zu erleben wie Christian Bonath seine Sänger begeistern konnte, wenn auch manchmal beim Dirigieren weniger Bewegung mehr gewesen wäre. 

Den Höhepunkt bildete das weltberühmte „Hallelujah“ (hebräisch „Lobet den Herrn“). Da gesellten sich noch die beiden Trompeter Pavel Janecek und Peter Hasel hinzu sowie an den Pauken Ineke Busch. An der Orgel bediente Stephen Blaich souverän den Generalbass.

Die Trompeten und Pauken fungierten wie so oft als Symbole weltlicher Repräsentation und der göttlichen Allmacht. Das war ein Fest, ein Lobpreis, ein Jubel. Und als nach lang anhaltendem Beifall der Dirigent verkündete, man werde als Dreingabe nochmals das „Hallelujah“ geben, erhoben sich nahezu tausend Zuhörer und sangen es mit. Die Mauern und Fenster der Martinskirche hielten dem Jubel stand.

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