Pfullingen Eigenversorgung und Landwirtschaft prägten das Leben

Der frühere Vorsitzende des Obst- und Gartenbauvereins, Richard Schänzlin, erzählte im Bürgertreff, wie sich die Bürger früher selbst versorgten.
Der frühere Vorsitzende des Obst- und Gartenbauvereins, Richard Schänzlin, erzählte im Bürgertreff, wie sich die Bürger früher selbst versorgten. © Foto: Jürgen Spieß
Pfullingen / JÜRGEN SPIESS 14.10.2014
Wie und was wurde vor 100 Jahren gegessen? Ergänzend zur Ausstellung "Pfullinger Esskultur. Geschichten zur Ernährung" sprachen Richard Schänzlin und Bodo Kablau über damalige Ernährungsfragen.

Fast niemand erinnert sich in der heutigen Zeit noch, was früher gegessen wurde. Oder daran, dass die Leute vor über 100 Jahren ohne Kühlschrank, Geschirrspüler und Backofen auskommen mussten. Vielmehr war familiäre Eigenversorgung gefragt, um einigermaßen über den Winter zu kommen.

Waltraud Pustal, Vorsitzende des Geschichtsvereins Pfullingen, erläuterte in ihrer Einführung die stark veränderte Esskultur, die in den letzten zwei Jahrhunderten geprägt war von Eigenversorgung, Vorratshaltung und bäuerlicher Landwirtschaft: "Es war früher eine ganz andere Welt", sagte Pustal.

Die Landwirtschaft war nicht nur in Pfullingen bis ins 19. Jahrhundert die wichtigste Erwerbs- und Existenzgrundlage überhaupt. Wenn da mal ein Jahr lang zu hohe oder zu geringe Niederschläge fielen oder ein Hagelunwetter für eine Missernte sorgte, gefährdete das bereits die Ernährungsgrundlage großer Teile der Bevölkerung. Die 1846/47 grassierende Kartoffelfäule führte zur letzten großen Hungerkrise vorindustriellen Ausmaßes.

Im Anschluss ging der langjährige Vorsitzende des Obst- und Gartenbauvereins Pfullingen, Richard Schänzlin, auf die Frage ein, wie sich die Menschen Anfang des 20. Jahrhunderts selbst versorgten. "Das Leben war damals sehr hart und hatte auch in Pfullingen noch einen sehr bäuerlichen Charakter." Mist-, Holz- und Leiterwägen waren die wichtigsten Fahrzeuge und die Haltbarmachung von Lebensmitteln war vor 70, 80 Jahren geradezu überlebenswichtig. Fast jeder Haushalt hatte einen Obst- und Gemüsegarten, Nutzvieh wie Hühner, Kaninchen, Rinder oder Ziegen und ein Dörrhäuschen im Garten oder auf der Obstwiese. Hier wurden für den Winter Zwetschgen, Birnen und Äpfel gedörrt und später in Schnitztrögen in Säcken auf der Bühne aufbewahrt.

Angebaut wurden Dinkel, Weizen und Gerste, und in den Gemüsegärten waren Salat, Kresse, Schnittlauch, Salbei und Bohnen verbreitet: "Es wurde alles mit der Sense gemäht und aus fauligem Obst Schnaps gebrannt", berichtete Schänzlin. Die Nudelsuppe war damals noch ein Fest- und Sonntagsgericht und die Haushühner dienten nicht nur als Eier- sondern auch als Fleischlieferant. An Weihnachten wurde Schnitzbrot gebacken, und das um das Jahr 1900 entwickelte Einkochen von Gemüse und Fleisch in Weckgläsern war weit verbreitet. Äpfel wurden häufig zu Gelee und Zwetschgen zu "Gsälz" verarbeitet. Und das in großen Steintöpfen zu Sauerkraut gestampfte Weißkraut war ein beliebtes Nahrungsmittel.

Schänzlin kann sich noch gut daran erinnern, dass die Leute regelmäßig Himbeeren im Wald sammelten und dass es zum Vesper Brot, Butter, "Luckeleskäse" (Brotaufstrich aus Knollenmilch mit Kümmel, Salz und Schnittlauch bestreut) und Most gab: "Früher hat man eben viel improvisiert und so gemacht, wie es eben ging", sagte der ehemalige Vorsitzende des Obst- und Gartenbauvereins. Auch die Honigbiene war damals von überragender ökonomischer Bedeutung, wie der geprüfte Obstbaupfleger und Imker Bodo Kablau im Anschluss zu berichten weiß. Das Phänomen Biene beschäftigt seit Menschengedenken, denn wir verdanken ihnen nicht nur sämtliches Obst, allerlei Gemüse und die Blütenpracht des Sommers, sie verfügen auch über enorme Fähigkeiten.

Lange bevor es Pfullingen gab, wurden Kerzen aus Bienenwachs gefertigt, und bereits seit Mitte des 19. Jahrhunderts war auch in dieser Region zunehmend mobiler Wabenbau in der Bienenhaltung verbreitet. Schon der alte Fritz war davon überzeugt, dass "die staatliche Organisation und das soziale Verhalten der Bienen dem unseren weit voraus ist", so Kablau bei seinen Ausführungen über die Wunder des Bienenvolkes.

Info Am Samstag, 19. Oktober, 14 bis 17 Uhr, lädt der Obst- und Gartenbauverein in der Museumsscheuer Schlössle zum Sauerkraut-Stampfen nach Pfullinger Rezept ein. Die Ausstellung geht noch bis 26. Oktober.