Reutlingen Durch Bewegung vorbeugen

Bewegung ist auch im hohen Alter wichtig, die Teilnahme beim Reutlinger Spendenmarathon auf der Rennwiese wäre für alte Menschen also schon rein aus Eigennutz eine gute Sache. Foto: Norbert Leister
Bewegung ist auch im hohen Alter wichtig, die Teilnahme beim Reutlinger Spendenmarathon auf der Rennwiese wäre für alte Menschen also schon rein aus Eigennutz eine gute Sache. Foto: Norbert Leister
Reutlingen / NORBERT LEISTER 04.09.2012
Es ist der Alptraum: Ein alter Mensch fällt hin, bricht sich den Oberschenkelhals, wird vom Krankenhaus gleich ins Pflegeheim überwiesen. Doch solche Stürze können vermieden werden.

Es ist schon fast der klassische Fall: Ein Mensch zwischen 70 und 90 Jahren fällt aus heiterem Himmel hin. Auf dem Gehweg stolpert er über eine kleine Bodenwelle, in der eigenen Wohnung über eine Teppichkante, oder er sackt einfach so in sich zusammen. "Wenn die Menschen noch keine 80 Jahre alt sind, ziehen sie sich oft Handgelenks- oder Schulterverletzungen zu, weil sie noch versuchen, sich mit den Armen abzufangen", erläutert die Gerontologin Diana Klein. Über 80-Jährige fallen hingegen meist ohne die Möglichkeit, noch schnell zu reagieren, sich abzufangen. Die Folge ist dann sehr oft ein Oberschenkelhalsbruch.

Studien zufolge kann laut Klein aber einiges getan werden, um die Wahrscheinlichkeit eines Sturzes zu minimieren. Ende 2010 begann dazu in Reutlingen ein Modellprojekt. Das Ziel lautet: Möglichst viele Senioren in Bewegung zu bringen. "Weil Bewegung, Muskel- und Gleichgewichtstraining vorzubeugen hilft", so die Gerontologin. Dazu gibt es ein spezielles Trainingsprogramm, das nun auch vom Arzt hier in Reutlingen für gebrechlichere Menschen verschrieben werden kann, die nicht mehr so leicht an einer Gymnastikgruppe außerhalb des Hauses teilnehmen können. Obwohl es sich um eine reine Prophylaxe-Maßnahme handelt, wird sie von der Krankenkasse bezahlt, belastet aber nicht das Budget der Ärzte. Das Programm heißt Otago, benannt nach der neuseeländischen Stadt, in der es entwickelt wurde. "In Reutlingen gibt es mittlerweile ein gutes Dutzend Therapeuten, die sich damit auskennen."

Allerdings ist Otago nur ein Baustein des Modellprojekts, das von der Forschungsabteilung der Geriatrischen Rehabilitationsklinik des Robert-Bosch-Krankenhauses in Stuttgart betreut und über das Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziert wird. Reutlingen wurde ausgewählt, weil hier sowohl die Großstadt anzutreffen ist, in direkter Nachbarschaft dazu aber auch kleine, ländlicher strukturierte Teilorte. Und weil in Reutlingen schon sehr viele Angebote vorhanden sind. Zudem klappte die Zusammenarbeit mit der Stadt, der Abteilung für Ältere, von Anfang an.

Zuerst wurde eine Lenkungsgruppe gebildet, in der GWG, Stadt, Krankenkassen, Kreisgesundheitsamt oder auch die Arbeitsgemeinschaft Reutlinger Sportvereine vertreten sind. "Dort wurde zunächst gefragt, was wir denn in Reutlingen brauchen", betont Diana Klein. In einer Ideengruppe wurden anschließend Handlungsbereiche festgelegt: So sollten Bewegungsangebote, die es in vielen Vereinen, der VHS oder in Kirchengemeinden schon für Senioren gibt, besser angeboten werden. Die Bereiche Wohnen und ÖPNV waren weitere Punkte, in denen Handlungsbedarf erkannt wurde.

Entstanden ist in den vergangenen fast zwei Jahren zudem eine Homepage (www.schritthalten-reutlingen.de), die informiert, wo, welche Bewegungsgruppen angeboten werden, worin bestehen die Teilnahmevoraussetzungen, wie hoch sind die Kosten, wie sind die Räume erreichbar und zugänglich. Eine kleine Zeitschrift informiert zudem seit einigen Monaten über die weiteren Aktivitäten von "Schritt halten", eine große Plakataktion in den öffentlichen Bussen ist geplant und - es gibt ab Oktober einen Kurs namens "Bewegtes Ehrenamt". Mit diesem Seminar im Rahmen der Reutlinger Ehrenamtsakademie soll ebenfalls die Bewegung von alten Menschen gefördert werden. Und zwar indem ehrenamtlich Engagierte mehr über die Bewegungsanleitung, über Risiken, medizinische Grundlagen und auch kleine Übungen lernen. "Der Kurs ist für alle offen, wer selbst schon zu den Senioren gehört, kann da einiges für sich selbst herausholen", betont Klein.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel