Reutlingen Dunkelheit, Chaos, Licht

Prägende Gestalt des Musiklebens in Israel: Der 81-jährige Noam Sheriff dirigierte die Philharmonie.
Prägende Gestalt des Musiklebens in Israel: Der 81-jährige Noam Sheriff dirigierte die Philharmonie. © Foto: Marinko Belanov
Reutlingen / OTTO PAUL BURKHARDT 23.03.2016
Ein berührendes Konzert: Die Philharmonie eröffnete ihre Reihe Fokus Jüdische Diaspora. Der 81-jährige Noam Sheriff dirigierte Werke von Mahler, Jakob Schönberg und ein Oratorium aus eigener Feder.

Schon wenn er die Bühne betritt, ist seine Ausstrahlung präsent. Vollends beim Dirigieren - klar, akzentuiert, schnörkellos und souverän führt Noam Sheriff durch das erste Konzert der dreiteiligen Philharmonie-Reihe "Fokus Jüdische Diaspora".

Sheriff ist einer der prägenden Musiker Israels, mit seinen 81 Jahren verkörpert er wie kaum ein anderer die bewegte Musikgeschichte seines Landes - als Dirigent, Hochschullehrer und Komponist. Seine Werke wurden unter anderem von Leonard Bernstein, Zubin Mehta und Placido Domingo aufgeführt.

Jetzt am Montag eröffnete Noam Sheriff das Konzert mit einer Uraufführung: der Suite für Orchester (1938) des lange völlig vergessenen Komponisten Jakob Schönberg (1900 bis 1956). Das Werk besteht im Grunde aus Liedern ohne Worte, Liedern, die den Alltag jüdischer Pioniere in den Kibbuzim schildern. Wer will, konnte unter Sheriffs Leitung etwas von der Aufbruchstimmung jener Jahre durchhören, von jenem Geist beflügelter Aufbauarbeit in der uralten Heimat.

Die Philharmonie fächerte denn auch einen kontrastreichen Bilderbogen aus rhythmischem Elan und blühenden Melodien auf. Die Basstuba gibt einen vorwärts marschierenden Drive vor, dann wieder "singen" die Streicher eine glutvoll harmonisierte Melodie. Die Flöten malen ein sonniges Naturidyll, und ein kinderliedartiges Motiv walzert frech vorüber. Doch es sind zum Teil auch recht kantige, energische Klänge, die Sheriff dieser noch nie aufgeführten Partitur entlockt.

Musikgeschichtlich stehen sie für eine damals im Gefolge von Bartók angestrebte, experimentelle Synthese - nämlich für den Versuch, die jüdische Folklore aus Palästina mit dem Sound der Moderne zu verbinden. Ähnliche Wege ging seinerzeit auch ein Generationen-Kollege Schönbergs, der in München aufgewachsene Paul Ben-Haim, dessen erste Sinfonie hier ein Tübinger Motettenorchester um Wolfgang Jellinek und Gerhard Kaufmann 2008 zur Aufführung gebracht hatte. Ben-Haim übrigens (1897 bis 1984) gilt als Begründer der israelischen Komponistenschule. Und er war der Lehrer von Noam Sheriff - womit sich der Kreis schließt.

Gustav Mahlers "Lieder eines fahrenden Gesellen" (1884/96) gehören dagegen längst zum Repertoire-Kanon. Sheriff geht diese vier Lieder, die mit ihren Motiven - Wanderung und unglückliche Liebe - auf Schubert verweisen, in sehr ruhigem Tempo an. Vielleicht auch deshalb, um die weichen, warm strömenden Kantilenen des aus Minsk stammenden Baritons Nikolay Borchev besser zur Geltung bringen zu können (auch wenn dessen Textverständlichkeit vor allem der Konsonanten noch ausbaufähig ist). Die Philharmonie, die Noam Sheriff in konventioneller Sitzordnung gruppiert hatte (rechts Celli statt Bratschen), zeigte bei Mahler wieder einmal ihre Fähigkeit, auch extreme emotionale Gegensätze zu vermitteln. Das Spektrum reichte von samten glänzenden Streicherteppichen ("Wenn mein Schatz Hochzeit macht") über aufrauschende Lebensfreude ("Ging heut' morgen übers Feld") bis hin zu herzzerreißender, schneidender Trauer ("Ich hab' ein glühend Messer").

Jakob Schönbergs "Chassidische Suite" wiederum (1937), gekrönt von einer "Hora", einem beliebten, aus dem Balkan stammenden jüdischen Reigentanz, entfaltete unter Noam Sheriff viel Temperament - orientalisches Melos mit übermäßigen Sekunden prallt hier recht ungebremst auf harsche, moderne Klangreibungen: ein Werk mit wuchtigen, markanten, grellen, aber auch düsteren Passagen.

Den intensivsten Eindruck des Konzerts erzielte freilich das Oratorium "Bereshit" ("Am Anfang") von Noam Sheriff. Der Komponist inszenierte sein 1998 zur 50-Jahr-Feier des Staates Israel entstandenes Werk als sehr persönliches, tönendes Nachdenken über die Schöpfungsgeschichte. Gemeinsam gelang der Philharmonie und dem von Christian Bonath einstudierten Knabenchor capella vocalis eine beeindruckende Aufführung. Schwebende, von jüdischer Liturgie geprägte A-cappella-Gesänge der Solisten Til Krupop und Jan Jerlitschka symbolisieren das "Erwachen" zu den ersten Worten der Bibel, dem ersten Buch Mose. Tiefes Blech steht für "Dunkelheit", turbulente Bläser- und Marimbahektik für "Chaos" - bis ein hoher Halteton im Chor wie ein gleißender Lichtstrahl den Raum durchdringt.

Was folgt, ist ein fast überirdisch schöner Sologesang über sanften, aparten, sphärisch gleitenden Harmonien: "Und Gott sah, dass es gut war." In dieser klanglichen Reflexion über die Schöpfung leuchtet auch noch eine Art Bach-Choral im Blech auf - wie eine Reminiszenz, bevor das Oratorium in einem sanften Dur-Nonenakkord ausklingt.

Ein starkes Stück Musik, das der dirigierende Komponist mit der Philharmonie an diesem Abend expressiv, bilderreich und fulminant, aber auch phasenweise sehr meditativ inszeniert hat. Gerade in Zeiten von Krieg, Terror und Vertreibung ist "Bereschit" - in seinem an die Ursprünge allen Lebens erinnernden Gestus - auch als Mahnung lesbar, als berührender Friedensappell.

Fokus Jüdische Diaspora - Weitere Konzerte

Die Musikgeschichte ist auch eine Folge von Verschüttungen und Wiederentdeckungen. Bei der Vorbereitung des Fokus Jüdische Diaspora stieß die Philharmonie-Dramaturgin Stefanie Eberhardt auf den vergessenen Komponisten Jakob Schönberg (1900 bis 1956). Noten waren nicht auffindbar, doch Prof. Jascha Nemtsov, ein Experte für jüdische Musik, besaß eine Kopie aus dem Schönberg-Nachlass in New York. Die Philharmonie ließ dann für die jetzt aufgeführten Werke Schönbergs Stimmenmaterial herstellen.

Weitere Konzerte im Fokus Jüdische Diaspora:

· Sonntag, 3. April, 11 Uhr WPR-Studio: Yellow String Quartet spielt Werke von Bloch, Schulhoff, Reich.

· Donnerstag. 7. April, 20 Uhr Stadthalle: Kaleidoskop - Sephardische Klänge mit Yasmin Levy.

OP

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