Das Verbrechen hatte sich am 30. Mai vergangenen Jahres ereignet: Zwischen 8.20 und 8.25 Uhr hatte an diesem Dienstagmorgen ein bis heute unbekannter, 25 bis 30 Jahre Täter die Führerscheinstelle des Landratsamtes Reutlingen überfallen. Mit einer Pistole bewaffnet, hatte der etwa 1,70 bis 1,80 Meter große bärtige Mann südländischen Typs insgesamt 42 Blankoformulare für Kraftfahrzeugbriefe erpresst.

Verfasser des Drohbriefs musste sich verantworten

Mit einem Schreiben, das er vorlegte, hatte er eine Mitarbeiterin der Zulassungsstelle bedroht. Sie solle ihm „alle „Fahrzeugbrieffe Blanco von allen Tischen“ geben, andernfalls sei sie „tot“, verlas Staatsanwältin Anja Schmid die Anklageschrift. Sollte sie weglaufen, erschieße er ihre Kollegen. Dabei habe der Täter auf eine, in seinem Hosenbund steckende Pistole mit einem Finger am Abzug gezeigt. Nachdem ihm die Mitarbeiterin die Unterlagen in einen schwarzen, von ihm mitgebrachten Rucksack gesteckt hatte, gelang es ihm, unerkannt zu entkommen.

Nun musste sich der Verfasser des Drohbriefs, ein Mann aus Bad Urach, wegen Beihilfe zur räuberischen Erpressung vor dem Amtsgericht verantworten. Der 26-Jährige hatte bei einer Vernehmung eingeräumt, einen vom Täter vorgelegte Nachricht ins Deutsche übersetzt zu haben. Allerdings erst, nachdem die Polizei drei Fingerabdrücke von ihm auf dem Schreiben gefunden hatte. Darüber hinaus hatte ein Schriftgutachten mit 99 Prozent Wahrscheinlichkeit ergeben, dass der Uracher den Zettel geschrieben hatte.

Die Geschichte, wie es dazu kam, gleicht einer Räuberpistole. Seit fünf bis sechs Jahren hat der 26-Jährige regelmäßig Haschisch und Marihuana konsumiert. Über einen Dealer namens „Mehdir“, der im Ermstal tätig gewesen sein soll, habe er dessen Cousin „Salim“, einen in Frankfurt lebenden Tunesier, kennen gelernt. Als dann „Mehdir“ aus Deutschland verschwunden sei, hat sich der Angeklagte mehrfach mit „Salim“ in Reutlingen getroffen, um bei ihm Drogen zu kaufen. Beim dritten Treffen im Januar oder Februar 2017 habe ihm „Salim“, so schilderte es der Angeklagte vor Gericht,  auf dem Smartphone eine auf Italienisch geschriebene Nachricht gezeigt und ihn gebeten, diese ins Deutsche zu übertragen. Das habe er getan, und die Übersetzung auf den Zettel geschrieben, den der Täter beim Überfall im Landratsamt zurückließ. Als Gegenleistung gab’s ein bisschen Haschisch. Danach habe er nichts mehr von „Salim“ gehört.

Wie mehrere Zeugen gestern aussagten, können die geraubten Blankofahrzeugbriefe dazu  verwendet werden, unterschlagenen oder gestohlenen Autos eine neue Identität zu geben. Allerdings ist bislang noch keines der Dokumente wieder aufgetaucht.

Neben der Beihilfe zur schweren räuberischen Erpressung verurteilte das Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Eberhard Hausch den Angeklagten auch wegen eines Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung in Bad Urach am 27. Juli 2017 hatten Polizisten neben einer Schreckschusspistole auch 20,5 Gramm Haschisch, 18,9 Gramm Marihuana und 2,6 Gramm eines Tabak-Marihuanagemisches gefunden.

Gesamtstrafe von über zwei Jahren

Richter Hausch verurteilte den 26-Jährigen zu einer Gesamtstrafe von zwei Jahren und drei Monaten. Er blieb damit sechs Monate unter der Forderung der Staatsanwältin Anja Schmid. Sie hatte das Schreiben des Drohbriefs als „ganz wesentlichen Tatbeitrag“ gewertet. Rechtsanwalt Marc Reschke hatte hingegen für eine Bewährungsstrafe von „plus, minus einem Jahr“ plädiert. Schließlich habe der 26-Jährige, so der Verteidiger in seinem Plädoyer, den „Brief nicht geschrieben, sondern nur übersetzt“.

Der Angeklagte habe bereits bereits beim Übersetzen präzise gewusst, was geschehen wird, sagte Hausch in seiner Begründung. Zudem habe er das strafmildernde Geständnis relativ spät, erst unter dem Einfluss einer zweiwöchigen Untersuchungshaft abgelegt.

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