BHU - diese drei Buchstaben stehen für "Bund für Heimat und Umwelt in Deutschland". Mitglieder dieses Bundesverbandes sind die Landesverbände, denen wiederum die Bürger- und Heimatvereine des Landes angehören.

Der BHU kümmert sich um die Belange des Natur- und Umweltschutzes sowie der Denkmal- und Brauchtumspflege, so die Aussage auf der Homepage des Verbandes. BHU-Geschäftsführerin Dr. Inge Gotzmann konkretisiert: "Das Anliegen des Verbandes ist es, das Natur- und Kulturerbe zu erhalten und es weiterzuentwickeln." Dabei stehe der Bürger im Mittelpunkt des Interesses. Es gehe darum zu erkennen, wo sich die Menschen zuhause fühlen und wie sie ihre Heimat gestalten möchten.

Ein Stück Heimat sind längst auch die Bauten der Nachkriegszeit geworden. Zu denen zählen auch die Gebäude, um die es unter anderem bei der Tagung des BHU in Reutlingen ging: Die so genannten "Klötze". Wobei mit "Klotz" nicht generell viereckige Bauten mit Flachdächern gemeint sind. "Klötze sind Großbauten, die die Maßstäbe sprengen", erläuterte Prof. Michael Goers, Landeskonservator in Baden-Württemberg. Er moderierte die Tagung am Montag. "Klötze sprengen den Rahmen dessen, was vorher üblich war." Viele Klötze sind nach dem Krieg entstanden, so Goers - und zwar meist aus einem Fortschrittsglauben heraus.

Rathauskomplex als Endpunkt des Wiederaufbaus

Klotz oder nicht Klotz? Das war dann auch eine Frage bei der ersten Station des Rundgangs, der aber nicht nur Klötzen, sondern auch dem Stadtbild und seinen Veränderungen gewidmet war. "Ich persönlich finde, dass dieses Rathaus in seinen Dimensionen noch sehr verträglich in den Raum eingebettet ist", sagte BHU-Präsidentin Dr. Herlind Gundelach über die Situation in Reutlingens Mitte auf Nachfrage.

Der Rathauskomplex sei als Endpunkt des Wiederaufbaus in Reutlingen gesetzt worden, erklärte Dr. Günter Kolb vom Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg, der die Führung leitete. Der Bau sei eine Zeichen von Selbstbewusstsein gewesen. Ob das Rathaus während des Baus in den 1960er Jahren umstritten gewesen sei, wollte ein Teilnehmer wissen. Kolb musste passen: "Ich glaube nicht." Das Rathaus würde heute übrigens die Bedingungen erfüllen, um unter Denkmalschutz gestellt zu werden, sagte Kolb weiter und sprach von der einstigen Debatte, ein Teil des Rathauses abzureißen und an selbiger Stelle ein Einkaufszentrum zu platzieren. Dr. Inge Gotzmann konnte der Idee nichts abgewinnen. "Das Rathaus hat auf jeden Fall seine baukulturelle Qualitäten", sagte die BHU-Geschäftsführerin. Der große Sitzungssaal sei sehr beeindruckend. Außerdem sei das Gebäude zeitlos. Gotzmann bemängelte aber, wie einige andere auch, dass der Betonbau angestrichen wurde. Und das leider auch noch in unterschiedlichen Farbnuancen.

Während ein Teil der Truppe nach der Begutachtung des Rathausbaus mit Journalist Raimund Vollmer in Richtung Bahnhof gingen, folgten die restlichen Teilnehmer Kolb zur Stadtbibliothek und zum VHS-Gebäude. Der Denkmalschützer kam dabei unter anderem auch auf des Ensemble des einstigen Königsbronner Klosterhofs zu sprechen, bevor es zum List-Gymnasium ging. Hier plauderte Kolb aus dem Nähkästchen: Er kenne keine Stadt, die dermaßen feindlich gegenüber dem Denkmalschutz sei wie Reutlingen. Es sei schwer sich hier durchzusetzen. Aber "inzwischen macht es mir Spaß".

Weiter gings zum nächsten Nachkriegsbau der Sparte quadratisch, praktisch, gut - der Oskar-Kalbfell-Halle. Man sei beim Bau bewusst in den Boden gegangen. Summa summarum befand Kolb: "Sie hat Qualitäten, aber sie ist städtebaulich nicht so ganz glücklich platziert."

Glücklich ist Günter Kolb hingegen über die Lindenstraße. Weil sie eine der wenigen noch intakten alten Straßenzüge Reutlingens ist. "Das wäre schützenswert in einer Stadt, die von Neubauten geprägt ist." Nur macht da die Gesetzeslage nicht mit, weil es in Baden-Württemberg keinen Ensembleschutz gibt. Mit dem Mittel des Denkmalschutzes könne hier nichts erreicht werden, stellte der Denkmalschützer fest. Das sei Aufgabe der Stadt.

Es gibt aber auch richtige Denkmale in Reutlingen, bemerkte Kolb auf den Weg zur Marienkirche. Die war aber geschlossen, so dass die Tagungsteilnehmer, die nicht nur aus ganz Deutschland, sondern auch aus Polen und der Schweiz angereist waren, das Gotteshaus nicht von innen ansehen konnten.

Ebenso fiel der geplante Besuch der Stadthalle aus, die man ja wegen der Dimension durchaus auch in die Rubrik "Klotz" einordnen könnte. In der Halle werde gerade der Estrich eingebracht, so die Begründung. Stattdessen stellte Baubürgermeisterin Ulrike Hotz den Gästen das Projekt im Sitzungssaal des Rathauses vor.

"Eine kräftige architektonische Geste", sagte Dr. Martin Bredenbeck, der als wissenschaftlicher Referent beim BHU tätig ist, zur Stadthalle. Er hat den Neubau schon in echt gesehen. Der Anblick der Halle, die an einen Tempel erinnere, habe ihn neugierig gemacht auch reinzugehen. Er empfinde den Baukörper nicht als störend. "Die Halle setzt sich bewusst ab." Sie gebe sich so selbstbewusst, wie das Rathaus in den 60er Jahren. "Das verbindet die beiden Gebäude."

"Die Stadthalle passt da hin", befand die BHU-Präsidentin, nach der Präsentation. Es sei ein großes Gebäude, das aber filigran gebaut sei. Wenn die Halle erst einmal in viel Grün eingebettet sei, wirke sie auch deutlich kleiner. Man müsse sich bis zur Fertigstellung gedulden, um das Ganze beurteilen zu können, so die einstige Hamburger Senatorin.