Reutlingen Dirndl, Würstl, Liebesschmerz

Reutlingen / SUSANNE ECKSTEIN 09.10.2015
Auf dem Weg zum Operettenglück: Das "Dreimäderlhaus" erklang konzertant - beim Musikherbst mit Meisterkurs-Studenten und der Philharmonie.

Es gab Zeiten, da brachten die Herbstlichen Musiktage echte Opern von Franz Schubert auf die Bühne (zuletzt 2004 "Sakuntala"). Dieses Jahr reichte es für eine Operette um (!) Schubert, nämlich "Das Dreimäderlhaus", Singspiel in drei Akten.

Einstens ein Riesenerfolg, lange in die Mottenkiste verbannt, nunmehr herausgeholt und auf die Bühne der Stadthalle gebracht. Mit der Biographie von Franz Schubert hat der vertonte Kitschroman wenig zu tun; dass von ihm kaum Frauenbeziehungen bekannt sind, wird von manchen damit erklärt, dass er schwul war. Diese Lücke füllt das "Dreimäderlhaus" mit den drei Schwestern, die - nach den üblichen Verwicklungen - am Ende unter die Haube gebracht sind, während die Schubert-Figur verzichtet und komponiert.

Als sprechende und singende Darsteller fungierten die Teilnehmer des HMT-Meisterkurses Gesang, angeleitet von Bariton Michael Kraus. Er trimmte sie auf Wiener Idiom: Theresa Krügl (Hannerl), Nastasja Neumann und Oskar Mathyshek als Mäderln im Dirndlkleid, Markus Murke, Martin Burgmair, Semion Bulinsky als künftige Gatten und Schubert-Freunde, bewaffnet mit Weinflaschen und echten Metzgereiprodukten. Hinzu kamen Rafael Fingerlos als Vogl, der - neben Bulinsky - ein fast echtes Schubertlied beisteuerte, Yvonne Berg als feurige Schober-Geliebte und Johannes Kalpers mit Mehrfachfunktion, den schüchternen Schubert gab der Tenor Goran Cah.

Abgesehen von Kalpers, der einen Einsatz verpasste, meisterten die jungen Sängerinnen und Sänger ihre Aufgabe sowohl solistisch wie im Ensemble bravourös, präzise mit dem Orchester koordiniert durch Chefdirigent Ola Rudner.

Florian Prey verband, vorzüglich lesend, das Ganze mittels neu erstellter Texte. Das Ergebnis war nicht ganz schlüssig; Musiknummern, halb-szenisches Spiel und Erzählung gingen etwas konfus ineinander über. Immerhin verfügte Prey über ein Mikrofon, während die schönen jungen Stimmen unverstärkt gegen das Orchester ansingen mussten und meist unterlagen; Sprachwitz und Ironie gingen damit unter. Nur ein paar Mikros, und die Operette wäre verstanden worden!

Die Nummern sind auch im Original keineswegs Orchesterlieder, sondern meist Auszüge aus Schuberts Tänzen, die nachträglich bearbeitet wurden - schöne Melodien am laufenden Band.

Um all den Fakes "echten" Schubert gegenüberzustellen, wurden sie zusätzlich mit der Sinfonie Nr. 7 in h-Moll kombiniert, der berühmten "Unvollendeten". Der erste Satz erklang sozusagen als Ouvertüre, der zweite im dritten Akt als orchestrale Illustration zum Liebesschmerz des "Schubert", als dieser das leidenschaftlich gesteigerte "Dein ist mein Herz!" abbricht und davonstürmt. Der arme Schubert!

Öffnete der erste Satz der "Unvollendeten" - in einer so abgründigen wie spannungsreichen Interpretation durch die Philharmonie unter Rudner - das Tor zu einer neuen Welt, wurde dieses mit Beginn der Operette wieder zugeschlagen.

Die Chance, erneut dorthin zu gelangen, wurde vertan, da der zweite Satz zur bloßen Gefühls-Illustration im szenischen Spiel degradiert wurde, auch wenn Rudner und die Seinen Schuberts Partitur erneut zum Sprechen brachten.

Danach hätte Schluss sein können - doch das Operetten-Missverständnis musste noch geklärt und eine neue Figur eingeführt werden.

Der späte Schlussapplaus für dieses "Dreimäderlhaus" fiel vergleichsweise verhalten aus, Begeisterung klingt anders. Zurück in die Mottenkiste damit!

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