Reutlingen / Von Ralph Bausinger

Niemand bezweifelt, dass die Digitalisierung die Arbeitswelt in den kommenden Jahren grundlegend verändern wird. Viele Arbeitnehmer haben Angst, dass ihr Job verloren geht. Und diese Sorge ist nicht ohne Grund, wie auch Wilhelm Schreyeck, Leiter der Reutlinger Agentur für Arbeit, mit Blick auf eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg bestätigt. Dabei wird der Strukturwandel in Baden-Württemberg stärker ausfallen in der Bundesrepublik. Laut IAB ist die Zahl der Berufe mit hohem Substituierungspotenzial in Baden-Württemberg von 17,9 Prozent (2013) auf 27,9 Prozent (2016) gestiegen.

Hohes Substituierungspotenzial bedeutet, dass über 70 Prozent der bislang von einem Menschen gemachten beruflichen Tätigkeiten in Zukunft durch Computer oder computergesteuerte Maschinen erledigt werden können. Davon betroffen sind, wie Schreyeck sagte, in erster Linie Helferberufe, es wird aber auch Fachkräfte treffen. Auf der anderen Seite wird die Digitalisierung viele neue Jobs schaffen.

Beschäftigte qualifizieren

Um diese Veränderungen möglichst gut zu managen, ist es, sagt der Agentur-Chef, von zentraler Bedeutung, die Beschäftigten durch Qualifizierung auf den technologischen Wandel vorzubereiten. Schreyeck zeigt sich überzeugt, dass man sich in Zukunft sein ganzes Leben weiterbilden müsse. Daher sei es auch konsequent und richtig, dass der Bund das Sozialgesetzbuch um ein „Qualifizierungschancengesetz“ erweitert habe.

Die Wafios AG stellt sich den Herausforderungen, die unter den Schlagworten Digitalisierung oder Industrie 4.0 firmieren. Die Digitalisierung müsse keine Arbeitsplätze kosten, wenn man es richtig mache, betont Wafios-Vorstandssprecher Dr. Uwe-Peter Weigmann. Und er verweist auf die Einführung der Robotertechnik: „Diese hilft uns, den Standort zu erhalten.“ Vielmehr könne Digitalisierung helfen, Produkte schneller zu entwickeln und günstiger herzustellen – entscheidende Voraussetzungen für eine Produktion im Hochlohnland Deutschland. „Die Maschine wird komplett digital entwickelt, ausprobiert und erst dann gebaut“, ergänzt sein Vorstandskollege  Martin Holder. Um die dafür benötigten Voraussetzungen zu schaffen, musste der Maschinenbauer eine hohe sechsstellige Summe investieren. Zudem  hat das Reutlinger Unternehmen allein 270.000 Euro im Jahr 2017 in die Weiterbildung seiner Belegschaft gesteckt. „Wir haben die Transformation zu einem mechatronischen Unternehmen geschafft“, erklärt Weigmann stolz. Elektrik und Software seien heute für Wafios ebenso wichtig wie die Mechanik.

In diesem Kontext hat Wafios auch Forderungen, was die Berufsausbildung angeht. Martin Holder erwartet, dass die Ausbildungsinhalte verändert werden. „Die klassische Ausbildung zum Mechaniker/Mechatroniker spiegelt in keinster Weise die Herausforderungen der Zukunft wider“, kritisiert das Wafios-Vorstandsmitglied. Gebraucht würden heute Leute mit ausgeprägten Mechanik- und Robotikkenntnissen. Und auch Experten mit Softwarekenntnissen spielten heute eine zunehmend wichtige Rolle.

Neben dem Faktor Qualifikation kommt auch den Tarifparteien eine wichtige Rolle zu: Holder wünscht sich moderate Lohnsteigerungen, um das eingesparte Geld in Investitionen stecken zu können. Ob da die IG Metall mitspielt?

Nicht nur die Ausbildungsinhalte müssen angepasst werden, aus Sicht des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall müssen auch die vom Gesetzgeber festgelegten Rahmenbedingungen stimmen. So forderte Dr. Jan Vetter als Geschäftsführer der Bezirksgruppe Reutlingen eine Flexibilisierung der Arbeitszeit. Und auch bei der Tarifpolitik sei  es notwendig, stärker auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Unternehmen eingehen zu können.

Wafios AG in Zahlen

Der Wafios-Konzern hat im Geschäftsjahr 2017 einen Umsatz von 184,3 Millionen Euro erwirtschaftet. Detaillierte Zahlen für 2018 liegen zwar noch nicht vor, Vorstandssprecher Dr. Uwe-Peter  Weigmann rechnet allerdings mit einer deutlichen Umsatzsteigerung des Familienunternehmens.

Rund 70 Prozent der Umsatzerlöse generiert Wafios auf dem internationalen Markt. 30 Prozent der Exporte gehen nach Europa, die restlichen 40 Prozent in den Rest der Welt.

Das Unternehmen hat derzeit 997 Beschäftigte, darunter 58 Auszubildende. Dazu kommen noch zwölf junge Leute, die Lehre und Studium nach dem Reutlinger Modell kombinieren, sowie 13 Personen, die im Zuge ihres Studiums ein Praktikum machen. rab