Reutlingen Diese kleinen Verletzungen sind keine Privatsache

Die Vorständler des "Netzwerks Antidiskriminierung" im Haus der Jugend-Café (von links): Borghild Strähle, Projektleiter Andreas Foitzik, Vorsitzender Lutz Adam und Stellvertreterin Marjam Kashefipour.
Die Vorständler des "Netzwerks Antidiskriminierung" im Haus der Jugend-Café (von links): Borghild Strähle, Projektleiter Andreas Foitzik, Vorsitzender Lutz Adam und Stellvertreterin Marjam Kashefipour. © Foto: Peter U. Bussmann
Reutlingen / PETER U. BUSSMANN 21.01.2015
Diskriminierung ist alltäglich und kann irgendwie jeden treffen. Dass es dagegen seit 2006 das Allgemeine Gleichbehandlungs-Gesetz (AGG) des Landes gibt, wissen die Wenigsten. Ein neuer Verein will dies ändern.

Der ältere Mensch oder die junge Frau mit Kopftuch, die den Job nicht bekommen, das schwule Pärchen oder die Rollstuhlfahrerin, die sich vergeblich um die Wohnung bewerben, der junge Dunkelhäutige oder die Jungs mit Migrationshintergrund, denen der Türsteher den Zugang zur Disco verwehrt - Beispiele von Diskriminierung finden sich allenthalben. Jeden Tag.

Richtig zur Wehr setzen können sich die Betroffenen meist nicht, denn in der Regel sind die kleinen Verletzungen der Persönlichkeit und Würde nicht justiziabel. 2010 zog jedoch ein junger dunkelhäutiger Reutlinger vor Gericht, weil ihm hier wiederholt der Eintritt in eine Disco verwehrt wurde. In zweiter Instanz bekam er Recht. Unterstützt vom Berliner Büro zur Umsetzung von Gleichbehandlung, wurde ihm nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungs-Gesetz des Landes Schadensersatz zugesprochen.

Der Fall machte Furore, ging durch die Medien - und zeigte Lücken auf. Weil bislang vor Ort Antidiskriminierungsstrukturen fehlen, gründete sich 2012 auf Initiative des soziokulturellen Zentrums franz.K und des Netzwerks Migration/Integration der Stadt in Reutlingen der so genannte Runde Tisch Antidiskriminierung.

Einrichtungen der Wohlfahrtspflege, Vertreter von Selbsthilfegruppen, sozial-kulturpolitischen Initiativen und kommunaler Verwaltung arbeiteten in dieser offenen Plattform zusammen mit dem Ziel, in Reutlingen ein Antidiskriminierungsbüro aufzubauen. Hier sollen Betroffene professionelle Beratung und Unterstützung bekommen, notfalls auch rechtliche Hilfe. Zwei Jahre darauf entstand ein solch Runder Tisch auch in Tübingen.

Anfang Dezember nun gaben sich beide Runde Tische mit dem Verein "Netzwerk Antidiskriminierung" ein gemeinsames Dach, das auch Gruppen und Netzwerken aus anderen Kommunen der Region offensteht. Hier sollen Aktivitäten gebündelt und koordiniert werden.

Ziel ist der Aufbau einer professionellen Struktur mit den drei Säulen zugehende Einzelfallberatung, Stärkung zur Selbsthilfe/Empowerment sowie Öffentlichkeitsarbeit, Fortbildung und Sensibilisierung: "Wir dürfen Diskriminierung nicht als Privatsache sehen, sondern als gesellschaftliches Problem", wurde beim Pressegespräch gestern deutlich. Noch sei das AGG aber "nicht bei den Menschen angekommen".

Ganz offensichtlich einen Stein im Brett hat die Reutlinger Inititative bei der grün-roten Landesregierung. So finanziert das Integrationsministerium bis 2016 ein Projekt, das der Fachdienst Jugend, Bildung, Migration der Bruderhaus-Diakonie für den Runden Tisch beantragt hatte. Projektleiter ist Andreas Foitzik, der Leiter dieses Fachdienstes. Ein weiteres Projekt des Integrationsministeriums zur Einrichtung einer landesweiten Beratungsstelle für andere Kommunen in Reutlingen steht in Aussicht, sagte Foitzik, "und auch das Sozialministerium sieht uns als Leuchtturm".

In der aktuellen Phase des Umbruchs steht für den Verein neben der inhaltlichen Neuausrichtung, über die Ende Februar eine "Open-Space-Konferenz" entscheiden soll, die Finanzausstattung ganz oben auf der To-do-Liste. Je 5000 Euro Kofinanzierungsmittel für das Projekt des Integrationsministeriums sind bei den Städten Reutlingen und Tübingen beantragt und könnten in den neuen Haushalten bewilligt werden. Überlegt wird auch, so Vorsitzender Lutz Adam, die Kreise und andere Städte ins Boot zu holen.

Klar ist: Ohne Geld gibt es kein Büro, keine professionelle Beratungsstelle. Alle Arbeit müsste dann weiter rein von den Ehrenamtlichen geleistet werden. Dabei gibt es genug zu tun, wissen vor allem Fachleute wie Schulsozialarbeiter - in allen Bereichen des täglichen Lebens.