Was hinter den Mauern ihres gemeinsamen Hauses in Reutlingen wirklich passiert ist und was eine 34-Jährige zuerst dazu veranlasste, ihren 42-jährigen Mann wegen mehrfacher Vergewaltigung bei der Polizei anzuzeigen, nur um dann im Prozess vor dem Landgericht Tübingen beharrlich zu schweigen, wird abschließend wohl nie geklärt werden. Klar ist nur: der ehemals Beschuldigte verließ am Freitag als freier Mann den Gerichtssaal. Zuvor hörte er - wohl unter Tränen der Erleichterung - den Richterspruch der Kammer. Die Vorsitzende Richterin Maria-Anna Schmid sprach ihn frei, weil sie es nicht ausschließen konnte, dass nicht doch alles anders war, als es ihm die Staatsanwaltschaft vorgeworfen hatte.

Im Jahr 2014, so begründete Rotraud Hölscher die Anklage, sei es gegen den Willen der Ehefrau zu mehrmaligen sexuellen Übergriffen gekommen. Er habe sie mindestens fünf Mal und zum Teil vor den Augen der Kinder zum Sex gezwungen. Auch körperliche Gewalt gegenüber ihr und den Kindern sei eher die Regel, denn die Ausnahme gewesen. So legen es zumindest die Gesprächsprotokolle nahe, nachdem sich die Frau der Polizei anvertraute. Jene Protokolle erwiesen sich jedoch im Prozess als Sackgasse. Die 34-Jährige widersprach ihrer Verwertung.

Nachdem auch die vermeintliche Augenzeugin der Vorfälle, die 15-jährige Tochter, von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machte, ruhten die Hoffnungen des Gerichts, zur Wahrheit vorzudringen, auf den damaligen Ermittlungsrichtern. Beide berichteten dem Gericht von detailliert, authentisch und lebensnah vorgebrachten Anschuldigungen, die die Frau gegen ihren Mann erhob.

Aber, so stellte Schmid fest: "Die Kammer muss sich einen Eindruck machen, nicht die Ermittlungsrichter." Und jener Eindruck der Kammer durch Berichte aus "zweiter Hand" ist nicht frei von Zweifeln. Ergeben hätten sich stellenweise widersprüchliche Angaben der Frau und ihrer Tochter. Es bestehe durchaus die Möglichkeit, dass die Frau "mehr belastet, als wirklich vorgefallen ist". Dafür könnte sprechen, das sie ein Kind von ihrem neuen Partner empfing und vor diesem Hintergrund die Scheidung von ihrem Ehemann voranzutreiben versuchte. Genauso gut möglich sei es, dass sie aus einer von Gewalt geprägten Ehe ausbrechen wollte.

Entstammen Ungereimtheiten in ihren Schilderungen also einem überschießenden Belastungseifer oder dem Umstand, dass sie sich etwa im Rahmen eines von ihr angestrengten Gewaltschutzprogramms oder gegenüber dem Frauenhaus nur zögerlich öffnete? "Die Kammer kann es nicht beurteilen."

Ebenso ungeklärt müsse bleiben, inwiefern Druck aus dem familiären Umfeld ihres Mannes auf sie ausgeübt wurde, bevor sie die Anzeige gegen ihren Mann zurückzog. Wenn Restzweifel bleiben, dann komme nur ein Freispruch in Frage.

Zum selben Schluss kam auch Staatsanwältin Hölscher. Sie hielt jedoch fest: "Ich glaube der Geschädigten. Ich glaube ihr, dass sie viel Unerfreuliches, Gewalt und sexuelle Übergriffe erlebte." Allein: "Der Glaube reicht nicht für eine Verurteilung."

Seinen Mandanten zu Unrecht belastet sah Tomislav Duzel. Er wittert einen Streit ums Sorgerecht als Grund für die Vorwürfe.