Theater Die Weltgeschichte als Karussell

Die „Diktatoren“ sind das neueste Stück in der Tonne.
Die „Diktatoren“ sind das neueste Stück in der Tonne. © Foto: Privat
Reutlingen / Kathrin Kipp 09.06.2018

„Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind“, prophezeite einst Erdogan. „Ich könnte mich auf die 5th Avenue stellen und auf jemanden schießen und trotzdem keinen einzigen Wähler verlieren“, prahlt Donald Trump: Das inklusive Ensemble der Tonne zitiert knackige Sprüche aktueller und vergangener Despoten und wandert dabei zu unschuldiger Musik und lieblichem Lichtspiel vielsagend im Kreis herum: Die Weltgeschichte ist ein Karussell, mit dem man immer wieder am gleichen Punkt landet.

Wie Diktaturen funktionieren, das erzählt die Uraufführung des Tonne/BAFF-Ensembles, das sich von Erich Kästners Satire „Die Schule der Diktatoren“ hat inspirieren lassen. In lose aneinandergereihten Szenen bebildern die Schauspieler unter der Regie von Enrico Urbanek Wesen, Funktion, Wirken und Ästhetik einer Diktatur. Beeindruckend, mit welchen teils schlichten Zugaben und phantasievollen Bildern komplexe Inhalte zum Ausdruck gebracht werden, und wie wieder alle Darsteller eine tragende Rolle spielen, je nach besonderer Fähigkeit über Text, Gesang, Schauspiel, Kostümierung, Tanz, Blasmusik oder Körpersprache.

Jedes faschistische System braucht ein eingeschüchtertes Volk, das in der Tonne vom Publikum gespielt wird und „mit einer Stimme“ dem Diktator huldigen muss. Die Darsteller wiederum sind als Staatsmusiker, Staatsschützer oder intrigante Minister unterwegs. Oder als austauschbare Präsidenten-Marionetten: Tonne-Tanz-Star Bahattin Güngör steht in Militärmontur und mit stattlichem Bart auf seinem Präsidentenbalkon und wird gottgleich inthronisiert. Mit einer Musik- und Fahnen-Zeremonie, die von den eigentlichen Strippenziehern im Staat inszeniert wird. Das Volk wird mit feierlichem Zauber und bombastischem Massentamtam eingelullt. Die Minister für Wirtschaft (Gabriele Wermeling), Forschung (Alfhild Karle) und Krieg (die mit allerlei Rüstungsklimbim behängte Franziska Schiller) haben die staatlichen Institutionen längst gleichgeschaltet und müssen dem Volk nur noch ein Gesicht präsentieren, dem es blind vertrauen und bis in den Tod folgen kann. Kapellmeister Michael Schneider kommentiert die Inszenierung in Form einer Live-Schaltung von der Amtseinführung und fungiert als Simultanübersetzer, wenn Bahattin Güngür in türkischer Phantasiesprache seine Machtansprüche formuliert. Natürlich wird es Widersacher geben, weiß der Präsident, aber die Worte werden „bald in ihrem Halse stecken bleiben. Oder sie haben bald keinen Hals mehr“. Da blitzt wieder der schwarze Humor des Ensembles auf, der sich auch darin manifestiert, dass dieser Militärstaat eben nicht von hochgezüchteten Herrenmenschen gebildet wird, sondern durchweg von originellen Individualisten.

Dann kommt es auch schon zum Attentat. Das Triumvirat muss einen neuen Präsidentenkasper generieren: eine tolle Szene, wie die Kandidaten zu karibischer Smoothie-Musik die erforderlichen Politiker-Gesten einstudieren. Viele Parallelen zu aktuellen Verhältnissen tauchen auf, und auch europäische Macht-Gesichter werden munter auf die Leinwand projiziert: Orban, Merkel oder Macron.

Jedes System hat aber auch seine Widerständler. Die Revoluzzer werden von Santiago Österle repräsentiert, der mit roter Fahne und rebellischem Gesang demonstriert und am Ende sogar die Macht übernimmt – aber dann selbst zum Diktator wird: alles schon gehabt. Dass man im Digitalzeitalter noch viel einfacher zu überwachen ist, das macht Seyyah Inal deutlich, indem er als Datensammler versucht, „unsere“ Einstellungen zu erfassen. „Wer Freiheit für Sicherheit aufgibt, verliert am Ende beides“, lautet die Botschaft. Das Theater tut ja gut daran, den rechtspopulistischen Anfängen zu wehren, spätestens seit die AfD auch das Theatergeschehen in ihrem Sinne beeinflussen will.

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