Honau/Reutlingen Die Wege der Hilfswilligen trennen sich

Anne und Rainer Claußnitzer bei ihrer Arbeit in Nepal.
Anne und Rainer Claußnitzer bei ihrer Arbeit in Nepal. © Foto: Privat
Honau/Reutlingen / SIMON WAGNER 02.07.2016
Die Wege von Mountain Spirit Deutschland und des Ehepaars Claußnitzer trennen sich. Nach internen Konflikten beendet der Verein  seine Medizinprojekte.

Ausufernde Diskussionen über den Ablauf der Jahreshauptversammlung noch bevor sie überhaupt begann. Ein Anwalt, der die Rolle des Mediators inne hatte und im Verlauf der knapp vierstündigen Zusammenkunft erhebliche Redeanteile beanspruchen sollte. Bei allem was am Mittwochabend im Honauer Forellenhof Rössle besprochen wurde, eines wurde deutlich: Der Lichtensteiner Verein Mountain Spirit Deutschland, der seit 19 Jahren Hilfe für Nepal und damit für eines der ärmsten Länder der Welt organisiert, hatte jüngst erhebliche Mengen Sand im Getriebe. Und das in einem Jahr, das Vorsitzender Wolfgang Henzler nach dem verheerenden Erdbeben in Nepal „eines der bewegendsten in der Geschichte des Vereins“ bezeichnete.

Auslöser für den internen Zwist waren Unregelmäßigkeiten, auf die Henzler nach der Durchsicht der nepalesischen Buchführungsunterlagen gestoßen sein will. Demnach seien Gelder, die zur Unterstützung von Kinder-Patenschaften bestimmt waren, ohne Belege und teils unvollständig ausbezahlt worden oder gelangten an Stellen, die dafür nicht vorgesehen waren. Der Verdacht der Untreue stand im Raum und Henzler beendete die Zusammenarbeit mit der nepalesischen Mitarbeiterin mit dem Ziel, neue, professionalisierte und transparente Strukturen aufzubauen. Es kam so zur Gründung der „Maountain Spirit Foundation“.

Der Umgang mit der langjährigen Mitarbeiterin stieß jedoch auf vereinsinterne Kritik. Allen voran das Ärzteehepaar Claußnitzer rieb sich an Henzlers Vorgehensweise. Der Auftakt, einer offenbar nachhaltig wirkenden Verstimmung, die weitere Vorwürfe zu Tage förderte und den Rücktritt von Anne Claußnitzer vom Amt der zweiten Vorsitzenden, bereits Anfang März, nach sich zog. Zusammen mit ihrem Mann, Dr. Rainer Claußnitzer, hatten sie Medizinprojekte in Nepal angestoßen und federführend sieben Jahre lang begleitet. Das aber, so wurde der Vorwurf laut, gegen zunehmende Widerstände innerhalb des Vereins. Zweckgebundene Spenden seien teils nachträglich umgewidmet worden oder mussten immer heftiger eingefordert werden. Eine schleichende Entfremdung zwischen dem Medizinteam und der Vereinsführung habe eingesetzt.

Eine Analyse, die auch Wolfgang Henzler teilt. Wenn auch unter anderen Vorzeichen. Im Gespräch beklagte er, dass sich die Medizinprojekte „verselbständigt“ hätten und der Vorstand regelrecht ausgebootet worden sei. Es habe an Austausch ebenso gemangelt wie an einem regelmäßigen Informationsfluss. Entstanden sei „ein Verein im Verein“. Doch sei er es als Vorstand, der die letztendliche Verantwortung trage und zusammen mit den übrigen Vorständen auch über die Verwendung der Spendengelder entscheide. Henzler betonte aber, dass es weniger ums Geld gehe, als um das Prozedere. Die aufgekommenen Differenzen hätten schließlich zu einem Tonfall geführt, der nicht mehr tragbar gewesen sei. Zurück auf eine sachliche Ebene zu kommen, schien, trotz versuchter Mediation, nicht mehr möglich.

Anne und Rainer Claußnitzer und mit ihnen die Mitglieder des Medizinteams zogen am Mittwoch die Konsequenz und erklärten ihren Austritt aus Mountain Spirit Deutschland. Das aber nicht ohne auf ihre geleistete Arbeit, vor allem im abgelegenen Arun-Tal, zurückzublicken. In diesem Zusammenhang dankte das Ehepaar, ausdrücklich allen Unterstützern, die ihre Arbeit erst möglich gemacht haben. Die Mediziner werden sich auch weiter in Nepal engagieren. Ihnen gehe es um die Sache, wie sie später erklärten. Aber, „dafür war Mountain Spirit nicht der richtige Partner. Leider.“

Wolfgang Henzler dankte ihnen für den „außerordentlichen Einsatz“ den sie in den langen Jahren im und für den Verein geleistet haben. Die Trennung vor Augen, erklärte er aber, das sich der Verein nun wieder verstärkt um seine Basisaufgaben kümmern werde. „Es muss jetzt darum gehen, positive Energien für die Projekte einzusetzen.“

INFO: Mountain Spirit

Der Verein Mountain Spirit Deutschland mit Sitz in Lichtenstein, zählte zum Ende des vergangenen Jahres 235 Mitglieder und damit 53 mehr als noch 2014. Im Amt des ersten Vorsitzenden mehrheitlich bestätigt wurde Wolfgang Henzler. Den Platz von Anne Claußnitzer als zweite Vorsitzende, nimmt nun Irene Rauch ein. Zur Kassiererin wurde Gabi Nägele bestimmt.

Nach dem Erdbeben in Nepal 2015, erlebte der Verein eine „überwältigende“ Spendenbereitschaft. Alleine die Einnahmen zu Gunsten der Erdbebenhilfe summierten sich auf rund 163 400 Euro. Die Mittel wurden unter anderem verwendet, um Wasserfilter und Nahrungsmittel in notleidende Gebieten zu bringen.

Bereits vor dem Beben vermittelte der Verein Patenschaften zu Gunsten nepalesischer Schulkinder. Derzeit beläuft sich deren Zahl auf 163. Der Verein unterstützt zudem den Bau von Schulen, bietet Hygienekurse an, schafft Zugänge zu sauberem Trinkwasser und versorgt die Einwohner mit elementarer Ausrüstung, wie etwa Kleidung oder rauchfreie Öfen.

Weitere Infos, Kontakt und die Möglichkeit zu spenden, unter: www.mountainspirit-deutschland.org

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