Pfullingen Die schwäbische Schöpfung

Auch in der „Schwäbischen Schöpfung“, die Berthold Biesinger präsentierte, spielt der Apfel eine Hauptrolle.
Auch in der „Schwäbischen Schöpfung“, die Berthold Biesinger präsentierte, spielt der Apfel eine Hauptrolle. © Foto: Markus Hehn
Pfullingen / MARKUS HEHN 13.07.2016
Berthold Biesinger interpretierte im  Klostergarten Sebastian Sailers „Schwäbische Schöpfung“ mit Witz, Gesang und ganz viel Dialekt.

Ein Gottvater, der sich schon tagelang auf seine Krautwickel gefreut hat und die Schaffung Evas daher verschieben lässt, und ein Adam, dem beim Anblick des Paradieses nur voll Sorge die Frage „Ois, des i no ned woiß: Send mer no im schwäb’sche Krois?“ umtreibt: In der schwäbischen Version der Schöpfungsgeschichte von Sebastian Sailer ist vieles anderes und gleichzeitig doch ganz vertraut.

Am Samstagabend präsentierte Berthold Biesinger Auszüge des traditionsreichen Singspiels im Pfullinger Klostergarten. Rund 100 Gäste waren der Einladung der Freunde der Stadtbücherei gefolgt und erlebten eine ungewöhnlich lebendige Lesung mit viel Musik, Spaß und der ein oder anderen Lektion in Schwäbisch.

Sailer, der als Vater der schwäbischen Dichtung gilt, landete bereits mit seiner Uraufführung der so genannten „Schwäbischen Schöpfung“ im Jahr 1743 einen großen Erfolg, der sich bis heute fortsetzt. Das Glück für alle Nicht-Schwaben: Die Geschichte ist grundsätzlich identisch mit dem biblischen Vorbild. Gottvater erschafft Gestirne, Welt, Elemente und Lebewesen. Er haucht Adam das Leben ein, und als der sich einsam fühlt, stellt Gottvater ihm Eva zur Seite. Die beiden Menschen begehen den Sündenfall und müssen das Paradies verlassen, das seither von einem Engel bewacht wird.

Biesinger spielte alle vier Rollen selbst, zwar ohne Kostüm und Maske, aber mit umso mehr Hingabe und Humor. Und die Charaktere erweisen sich zuweilen als recht eigenwillig.

So kann sich Gottvater für seine großartige Idee der Schöpfung kaum oft genug selbst auf die Schulter klopfen. „I selbr, alloi!“ verkündet er stolz, wer es gemacht hat. Adam hingegen erscheint meist melancholisch. Um nicht noch trauriger und einsamer zu werden, wünscht er sich eine Partnerin.

Nach dem ersten Streit mit Eva will er sie aber wieder zurückgeben. Doch auf sein Flehen „Oh wär i no ledig ond hätt koi Woib“ entgegnet Gottvater: „I nehm se nemme o, sie ischt doi Woib ond du ihr Mo.“ Nachdem beide aus dem Paradies verbannt wurden, singt Eva ein 17-strophiges Klagelied. Sailer habe hier gewissermaßen einen wichtigen Beitrag zur Emanzipation der Frau geleistet, kommentiert Biesinger später.

Und auch sonst sind es vor allem seine spitzen Kommentare und die spontane Interaktion mit dem Publikum, mit denen Biesinger die Zuschauer zum Lachen bringt und Sympathiepunkte sammelt. Und er lässt sich auch durch unerwartete Nebengeräusche nicht aus der Ruhe bringen. „In Pfullingen ist auf alle Fälle was los“, sagt er mit Bezug auf die Schlager und Rockklassiker, die dank der Pfullinger „Sommernacht“ sein Programm ungewollt untermalten. Als dann ausgerechnet im Moment der Schöpfung des Hundes ein Bellen über den Klostergarten schallt, bedankt er sich sogar für den tollen Effekt. Ernst scheint es ihm nur bei einer Sache zu sein: seine Mission, das Schwäbische zu verbreiten. So übersetzt und bespricht er einzelne Begriffe oder bricht im Text plötzlich ab und lässt das Publikum den Reim vollenden. Dass nicht alles verstanden wird, weiß er aber und rät daher: „Wenn ihr was nicht versteht, nehmt es als Musik. Das ist wie in der Oper, da versteht man oft auch nichts.“

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