Reutlingen Die Rückkehr des singenden Friesen

Er spielte nicht nur, er sang auch mit zurückhaltender, sonor knarzender Stimme: Knut Kiesewetter war am Samstag Gast in der "Mitte". Foto: Jürgen Spieß
Er spielte nicht nur, er sang auch mit zurückhaltender, sonor knarzender Stimme: Knut Kiesewetter war am Samstag Gast in der "Mitte". Foto: Jürgen Spieß
Reutlingen / JÜRGEN SPIESS 26.03.2012
Zwei Altmeister sorgten für einen weiteren Höhepunkt des LandesJazzFestivals: Knut Kiesewetter und Herb Geller erinnerten mit dem Tobias Sudhoff Trio vor 100 Besuchern in der "Mitte" an alte Glanzzeiten.

Wenn verdiente ältere Herren mit weißen Haaren Jazz machen, hat das immer viel Charme. Das gilt insbesondere dann, wenn sie so redselig und witzig über alte Zeiten erzählen wie der 1941 an der Ostsee geborene Knut Kiesewetter. Dabei stand der Posaunist, Jazzsänger, Entertainer und Musikprofessor schon einige Jahre auf keiner Bühne mehr.

Kiesewetter ist ein Mann mit vielen Talenten, einer, der sich in den 60er und 70er Jahren in kleinen Jazzclubs ebenso zu Hause fühlte wie im Fernsehen vor großem Publikum. Der mit dem Liedermacher Hannes Wader gut konnte, aber auch mit Dizzy Gillespie, Chris Barber, Bill Ramsey und vielen anderen großen Namen des Jazz. Der als Autor plattdeutscher Regionalsprachen und als Produzent erfolgreich war und sogar für den ersten deutschen Umwelt-Protestsong verantwortlich zeichnete. Doch nach gut 50 Jahren auf den großen Showbühnen hatte die "Voice of Germany" aus den 60er Jahren genug und setzte sich auf der nordfriesischen Halbinsel Eiderstedt zur Ruhe.

Fünf Jahre ist das nun her, und eigentlich konnte niemand mehr damit rechnen, den Sänger und Posaunisten noch einmal auf einer Livebühne zu erleben. Bis Jazzclub-Vorsitzender Clemens Wittel zum Telefon griff und Kiesewetter davon überzeugte, beim LandesJazzFestival aufzutreten. Und so stand er nun nach 50 Jahren, als er bei der Eröffnung des Jazzclubs dabei gewesen war, wieder auf der "Mitte"-Bühne. Zwar erkältet und etwas gebrechlicher als damals, aber mit dem selben unverwechselbaren Witz und Schalk im Nacken.

"Ich bin der große Blonde aus dem hohen Norden", begrüßt er das erwartungsfrohe Publikum und lässt sich von einer Besucherin erstmal eine Aspirin-Tablette verabreichen. Doch danach präsentiert er gemeinsam mit US-Saxofonist Herb Geller und dem Tobias Sudhoff Trio zwei lange Sets lang gut gelaunte Jazzstandards und sorgt damit für beste Stimmung beim dicht an dicht sitzenden Publikum. Unterbrochen von lockeren Anekdoten aus seiner langer Karriere und Witzen über Beethoven und Mozart erklingen Standards von "What is this thing called love" bis zu "Autumn leaves", das Kiesewetter auf Französisch singt.

Der 71-Jährige überzeugt nach wie vor durch seine eher zurückhaltende, sonor knarzende Singstimme, die zwar nicht mehr alle Höhen erreicht, aber immer noch unverwechselbar ist. Auch das Posaunenspiel hat er nicht verlernt, wenn er es auch viel sparsamer als bei früheren Konzerten einsetzt.

Musikalisch umso aktiver gibt sich dafür der zweite Altmeister des Abends: Der 1928 in Los Angeles geborene Herb Geller kommt uns ganz sanft mit dem Altsax auf den Spuren von Benny Carter und Chet Baker. Mal swingend, mal balladesk, auch hotjazzig, mit viel Gespür für Timing und Ton. Meist führt er seine Zuhörer mit dichten Melodielinien in eine musikalische Welt, die ihre Einflüsse von überall her bezieht.

Immer wieder greift der 83-jährige Saxofonist im Laufe des Abends betagte Kompositionen ehemaliger Weggefährten auf. In der Musik des Quintetts ist die Vergangenheit gut aufgehoben, nur ab und an wird sie mit kurzen Intermezzi ein wenig durchgeschüttelt. Den beiden herumwitzelnden Stars des Abends sind Drummer Gereon Homann und Bassist Ivo Kassel feinnervige Rhythmusgeber, dazu glänzt Pianist Tobias Sudhoff durch seine kabarettistischen Einwürfe und sein ausgeprägtes Gespür für Nuancen. Auch er tummelt sich am liebsten im abgesicherten Gewässer des modernen Mainstreams, mit Zuflüssen von alten Chanson- und Schlagermelodien.

Am Ende gerät der Abend so lange, dass Kiesewetters Kraft nicht einmal mehr für eine Zugabe reicht. Etwas unsicher auf den Beinen und mit hochrotem Kopf verabschiedet er sich mit den Worten: "Wir könnten so viele Stücke spielen, dass es für eine Woche reicht - aber meine Frau hat es mir leider verboten". Schade eigentlich.

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