Reutlingen Die rote Linie muss bleiben

PETER U. BUSSMANN 30.08.2013
Drei Wochen vor dem Urnengang kommt der Wahlkampf vor Ort langsam in Fahrt. In der Reihe der Bundestagskandidaten im Wahlkreis Reutlingen haben wir Günter Herbig von der Partei Die Linke begleitet.

Günter Klinger kennt keine Berührungsängste. Der Geschäftsführer des Diakonieverbandes, wiewohl unter kirchlicher Kuratel, empfängt Günter Herbig, den Bundestagskandidaten der Linken, und Wahlkampfmanager Rüdiger Weckmann gleich anderntags zum Erfahrungsaustausch in der Planie 17. Der in allen sozialen Brennpunkten beschlagene Klinger beherrscht sein Metier aus dem Effeff und rennt bei den Vertretern der Linken offene Türen ein. Weckmann ist der Diakonie über die Suchtberatungsarbeit ohnehin verbunden. Herbig, der ein Berufsleben lang mit sehr viel Arbeit in der Pharmaindustrie gutes Geld verdient hat, lernt auf seine "alten Tage" - im Dezember wird er 65 - schmerzlich die Kehrseite des Sozialstaats kennen. Nach der Insolvenz seines Arbeitgebers lebt er aktuell von Arbeitslosengeld I, erlebt hautnah die Widrigkeiten des Leistungsbezugs und das Damoklesschwert der Leistungskürzung, sollte er sich nicht weiterhin vier Mal im Monat um Stellen bewerben.

Dass dazuhin der Hagelsturm sein hundert Jahre altes Häusle in Pliezhausen "praktisch erschlagen" und unbewohnbar gemacht hat, so dass es vermutlich abgerissen werden muss, weil es vollgelaufen ist und schimmelt, treibt Herbig und seine Frau vollends in die Abhängigkeit. 100 Tage gewährt die Versicherung den Aufenthalt im Schönbuch-Hotel ("mit traumhaftem Blick auf die ganze Alb").

Für die Zeit danach mussten sie sich eine Unterkunft suchen und erfuhren so drastisch, wie unerschwinglich der regionale Wohnungsmarkt zum Teil ist. Gerade deshalb fordert die Linke auch ein Menschenrecht auf Wohnung. Übergangsweise bis das neue Fertighaus mit Hilfe der Entschädigung erstellt ist, kommen die Herbigs nun in einer Wohnung der Bruderhaus-Diakonie unter.

Dass der soziale Wohnungsbau "eine Katastrophe" und dass Wohnraumbeschaffung ein "Drama" ist, weiß Klinger seit langem: "Hier gibt es eine regelrechte Hierarchie der Bewerber." Am schlechtesten dran ist in der Regel die Klientel der Wohlfahrtsverbände. Das schlägt sich auch im Unterbringungsproblem der wachsenden Zahl von Asylbewerbern nieder, berichtet er. Die Diakonie unterstützt den Aufgabenträger Landkreis hier nach Kräften, beispielsweise durch den Aufbau von Asylcafés vor Ort. "Wir bieten Begleitung, dass die Menschen sich hier willkommen fühlen."

"Nehmen Sie das mit nach Berlin!", fordert Klinger seinen Gegenüber immer wieder auf und legt noch eine ganze Reihe anderer Themenbereiche wie Altersarmut oder das Bildungs- und Teilhabe-Paket mit dazu. Politische Lösungen sind für Klinger auch zwingend bei dem Problem der europäischen Freizügigkeit, die den Zuzug von Armen aus dem Südosten ("dass in Europa Menschen so leben ist eine Sauerei") forciert. Mit dieser "Welle wird uns Europa ganz schön einholen", prophezeit Klinger, und Herbig widerspricht ihm nicht.

So wie bei der Diakonie hat Herbig bei vielen Organisationen und Betrieben "die Ohren aufgemacht und viele Dinge erfahren". Das Soziale ist neben der Friedenspolitik der Schwerpunkt, der ihn zur Partei brachte. Mit den SED-Altlasten der Linken hat Herbig nichts am Hut, "wir sind Wessies", sagt er, wohl wissend, dass über Geschichte und Programm der Linken noch viel Informationsbedarf besteht.

In zahllosen Gesprächen erfuhr Herbig inhaltlich immer wieder Zustimmung, doch "ihr Kreuz machen die Leute woanders". Dennoch habe die Linke etwas erreicht. Nach "anfänglichen Prügeln für die Linke ist der Mindestlohn jetzt bei allen angekommen", freut sich Herbig. Auch des Abzugs aus Afghanistan oder der prekären Beschäftigung hätten sich jetzt die anderen Parteien angenommen, nur bei der Bankenrettung stehen die Linken noch alleine: "Schade, dass die noch drei bis vier Jahre brauchen, bis sie auch so weit sind."

Herbig bedauert zudem, dass "wir ein Wahrnehmungsproblem haben": Seine Partei habe zwar im Bundestag sieben Abgeordnete mehr als die Grünen, rangiere aber in der Medienpräsenz noch hinter den Piraten. Die Politik der Linken werde so nur an wenigen herausragenden Personen festgemacht.

Trotzdem macht dem umgänglichen Herbig der aktuelle Wahlkampf-Zirkus noch Spaß, zumal die Kandidaten im Kreis gut miteinander auskommen. Für mehr Nähe auf Bundesebene aber "muss die rote Linie bleiben", sprich die Absage an die Rente mit 67, an Hartz IV und an Auslandseinsätze der Bundeswehr. Und da sieht der Linke Herbig vorerst noch schwarz.

Zur Person vom 30. August 2013