Reutlingen Die Polizei hält den Ball flach

Von Evelyn Rupprecht 13.06.2018

Sinnfrei in der Gegend rumfahren? Untersagt! Auf dem Dach, der Motorhaube oder im offenen Kofferraum stehen? Geht gar nicht! Aus dem Seitenfenster oder dem Schiebedach lehnen? Eine klassische Ordnungswidrigkeit. Dauer­hupen? Dem kann die Polizei schon mal den Garaus machen. Alles, oder zumindest fast alles, was einen waschechten Autokorso ausmacht, ist straßenverkehrsrechtlich eigentlich verboten. Betonung auf „eigentlich“. Denn in den kommenden Wochen will die Polizei schon mal das eine oder andere Auge zudrücken. Die Fans sollen ihre Fußball-Weltmeisterschaft nicht volle Pulle, aber doch mit beinahe ungebremster Euphorie feiern können. „Wir halten den Ball flach, die Leute sollen ihren Spaß haben“, kündigt Christian Wörner von der Pressestelle des Polizeipräsidiums Reutlingen an. Eine Einschränkung muss er jedoch machen: Wer sich oder andere gefährdet, bei dem kennen die Ordnungshüter kein Pardon. Die Sicherheit geht immer vor. Fußgänger-Blockaden sind ein absolutes No-Go. Und Bengalos oder Feuerwerkskörper haben auf den Fanmeilen und in Menschenmengen absolut nichts zu suchen. Um die Lage auch tatsächlich unter Kontrolle halten zu können, schieben die Beamten in den nächsten Wochen zusätzliche Schichten.

Vom Eröffnungsspiel am morgigen Donnerstag bis zum Finale am 15. Juli ist die „Sonderlage“ schon seit längerem komplett  durchgeplant. Vor allem das PP-Einsatz, früher Bereitschaftspolizei genannt, wird zusätzliche Schichten fahren. Viele von ihnen sind Beamte, die mit einem kalkulierten Stunden-Minus ins Jahr starten, damit sie Zeit für Ergänzungsdienste haben. „Die freuen sich, wenn sie arbeiten können“, erklärt Wörner mit Blick auf das Arbeitszeitkonto. Die meisten der Polizisten haben bei der WM aber auch noch eine ganz andere Motivation. Sie sind Fußballfans, die bei den Partien mitfiebern und den Spielverlauf praktisch dienstlich verfolgen müssen. Das einzige Problem: Sie können die Spiele nie bis zum Ende anschauen. Davon, ein Elfmeterschießen mal live anzusehen, können sie nur träumen. „Da geht der Dienst vor. Wenn die Fans auf die Straßen drängen, müssen die Polizisten bereits da sein“.

Vor allem die Karl- und die Eberhard-Straße in Reutlingen, der Ring Noyon-Allee mit Stuttgarter- und Nürtinger Straße in Metzingen und die Große Heerstraße in Pfullingen sind beliebte Fanmeilen, weiß Wörner. „Wobei die Metzinger eigentlich immer nur ein paar Runden drehen und dann nach Reutlingen abziehen“. Wo’s heuer in der Karlstraße relativ eng zugehen wird. Eine Baustelle inklusive Einspur-Regelung könnte den Fans den Korso vermiesen. „Wer da reinfährt, kommt gleich zum Stehen“, ahnt der Polizei-Pressesprecher, dass bei der aktuellen WM nicht ganz so viele Autofahrer in die Reutlinger Innenstadt kommen werden. „Denn Schleichwege gibt’s ja kaum“. Die Umleitungsstrecken um den Stadtkern herum, auf die die Polizei die Fahrzeuge lenken möchte, sind für einen Autokorso derweil wenig attraktiv, weil zu abgelegen.

Was der Polizei die Arbeit heuer etwas erleichtern dürfte, sind gleich mehrere Umstände. Große Public Viewings, wie sie noch bei der letzten WM im Stellwerk über die Bühne gingen, gibt’s nicht mehr. „Es werden also auch nicht mehr 2000 Leute in einem Bereich auf einmal auf die Straßen drängen“, glaubt der Polizeisprecher.  Dazu kommt, dass Italien und die Türkei sich nicht für die Weltmeisterschaft qualifizieren konnten. Deren große Fangemeinden werden heuer also nichts zu feiern haben. Außer sie solidarisieren sich mit anderen Mannschaften und gehen für die auf die Straße – wo die Polizei vor allem eines vermeiden möchte: Dass Fußgänger und Fahrzeuge unkoordiniert aufeinander treffen und die Situation  vor allem für die Passanten gefährlich wird. In solchen Fällen wollen die Beamten schnell eingreifen, die Straßen absperren und  mit den Leuten reden.

Wobei Wörner und Kollegen in den nächsten Wochen vor allem auf eines setzen: den gesunden Menschenverstand der Fans und all derer Autofahrer, die mit der WM nichts am Hut haben. Denn viele Spiele enden zur besten Berufsverkehrszeit. Wer dann auf dem Nachhauseweg von der Arbeit durch die Reutlinger Innenstadt fährt, der könnte unversehens im Verkehrschaos stranden. Dann hilft nur noch eins: einfach mitfeiern.