Reutlingen Die nahrhafte Kirche

Reutlingen / Von Kathrin Kammerer 07.12.2018

Die ersten Vesperkirchen-Sonntage in Reutlingen vor 22 Jahren begannen mit der Verteilung von zirka 80 Essen. „Ratzfatz waren wir dann aber auch schon bei 400 Essen“,erinnert sich Diakonieverband-Geschäftsführer Günter Klinger. Die Vesperkirche entwickelte sich wie in vielen anderen Städten auch in Reutlingen zu einer Institution. Und sie ist – und das ist das „Doppelgschmäckle in einer so guten wirtschaftlichen Zeit“, so Klinger – immer noch bitter nötig.

Von Sonntag, 13. Januar, bis Sonntag, 10. Februar, findet nun also in der Nikolaikirche die 22. Vesperkirche statt. Rund 220 Ehrenamtliche helfen bei der Planung und der Durchführung. „An den ersten Tagen haben wir mit 230 bis 250 Essen pro Tag geplant“, sagt Ulrich Soulier vom Organisations-Team. „Das steigt dann aber auf bis zu 400 Essen am Ende.“ Das Angebot spreche sich unter den Bedürftigen schnell herum. Warmes Mittagessen gibt es täglich von 11 bis 13.30 Uhr, die Cafeteria hat von 11 bis 14 Uhr geöffnet. Das Essen wird immer von einem kurzen Mittagsimpuls unterbrochen. Am ersten und am letzten Vesperkirchen-Sonntag wird es zudem Gottesdienste geben.

Vesperkirchen-Pfarrer Jörg Mutschler berichtet von einem Fachtag, den er vor einigen Wochen besucht hat: „Der Bedarf steigt auch in anderen Gemeinden immer mehr an.“ Besonders beschäftige ihn die Kinderarmut: „Da Armut ja offensichtlich vererbbar ist, ist das umso dramatischer.“ Damit auch Kinder aus ärmeren Familien eine Freude am Heiligen Abend haben, findet momentan in der Citykirche die Aktion „Sternenfunkeln in Kinderaugen“ statt, organisiert von Citykirche, Caritas und Diakonieverband.

Sorge bereite ihm, dass Diakonieverband-Geschäftsführer und Vesperkirchen-Urgestein Klinger am 31. Januar in den Ruhestand geht. „Ich bleibe treu, ich komm zum Essen“, verspricht dieser. 80 Sitzplätze gibt es in der Nikolaikirche, seit vergangenem Jahr werden die Gäste an den Tischen bedient und müssen sich nicht mehr für ihr Essen anstellen. „Endlich“, sagt Pfarrer Mutschler. „Sie müssen schließlich ihr ganzes Leben irgendwo anstehen.“

Um genügend Helfer muss sich Personalplanerin Gisela Braun vom Diakonieverband auch 2019 keine Sorgen machen. „Manche würden gerne jeden Tag helfen“, sagt sie. Manche nehmen sich extra Urlaub für ihren Einsatz, andere werden von ihren Firmen oder Schulen gesendet, wieder andere reisen beispielsweise extra aus Regensburg an, um zu helfen. „An einzelnen Tagen fehlen aber immer noch Leute“, sagt Braun. Wer Interesse habe, könne sich gerne innerhalb der Bürozeiten bei ihr melden, Telefonnummer (0 71 21) 94 86 33.

Mit 9000 bis 10 000 Essen rechnen die Organisatoren insgesamt in den vier Wochen. Mittwochs und freitags ist das Essen ohne Schweinefleisch. Müllermilch hat 5000 Joghurt gespendet, von den lokalen Bäckereien kommt täglich das Brot für die Vesperpakete. Wer Kuchen spenden will, soll diesen einfach vorbeibringen. 200 Kilogramm Käse werden zugekauft – einen Käse-Sponsor gibt es nämlich leider noch nicht. Auch Ärzte, Frisöre und Masseure stehen bereit. Die Vesperkirche, die „nahrhafte Kirche“, wie Pfarrer Mutschler sagt, lebt von Spenden. Rund sieben Euro kostet ein Essen, auch Fahrzeuge müssen beispielsweise finanziert werden. 90 000 bis 100 000 Euro werden also insgesamt für vier Wochen benötigt. Und so appellieren die Verantwortlichen auch in diesem Jahr wieder an die Spendenbereitschaft aller Reutlinger.

Info Spenden an Kreissparkasse Reutlingen, Betreff: Reutlinger Vesperkirche – Diakonieverband, IBAN: DE18 6405 0000 0100 0230 73.

Donnerstag ist Kulturtag in der Vesperkirche

Jeden Donnerstagabend ist in der Vesperkirche Kultur geboten. Am Donnerstag, 17. Januar, startet um 19 Uhr ein Filmabend. „Ziemlich beste Freunde“ wird gezeigt. Am Donnerstag, 24. Januar, 19 Uhr, ist die Musikformation „Tante Friedas Jazzkränzchen“ zu Gast. Am Donnerstag, 31. Januar, startet um 19 Uhr ein schwäbischer Abend mit Gerhard Raff, Titel ist „Herr schmeiß Hirn ra!“. Am Donnerstag, 7. Februar, ist schließlich die Schauspielerin und Komödiantin Dietlinde Ellsässer vom Theater Lindenhof zu Gast. Beginn ist ebenfalls um 19 Uhr. Der Eintritt zu allen Kultur-Veranstaltungen ist frei, um Spenden für die Vesperkirche wird gebeten, sagen die Veranstalter. kam

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