Reutlingen / Von Carola Eissler

Die Reutlinger Museumshäuser haben das Zeug dazu, weit über die Region hinaus für Aufmerksamkeit zu sorgen. Bis es soweit ist, steht aber den Planern, Archäologen und Bauhistorikern noch viel Arbeit bevor. Gestern präsentierten Dr. Elke Nagel und Professor Tobias Wulf von der Arbeitsgemeinschaft Oberamteistraße das sechs Meter hohe und drei Meter breite Fassadenmodell für den Neubau, der an Stelle des 1972 abgerissenen Gebäudes Oberamteistraße 34 errichtet wird. Die Biberschwänze aus Glas sollen unter Realbedingungen zeigen, wie Licht, Reflexion und Sonneneinstrahlung auf die Fassade wirken. Der Neubau ist aus statischen Gründen nötig, die verbliebene historische Häuserzeile würde sonst immer instabiler. Es geht schlichtweg um die Rettung des Ensembles.

Oberbürgermeisterin Barbara Bosch betonte, es sei ein großer Konsens im Gemeinderat gewesen, das Ensemble in der Trägerschaft der Stadt zu sanieren. Dass die große Herausforderung im Altbau liegt, darin sind sich die Experten Dr. Elke Nagel vom Planungsbüro „Strebewerk“ und Professor Tobias Wulf vom gleichnamigen Architekturbüro einig. Zwei Drittel der Sanierungskosten fließen denn auch in die Altbauten, ein Drittel in den Neubau.

Der Neubau besteht aus einem hölzernen Fachwerk, das das noch bestehende Ensemble stützt. Darüber werden gussgläserne Biberschwänze gelegt, die es in verschiedenen Ausführungen gibt. Zwei unterschiedliche Ausführungen sind jetzt auch am Modell angebracht. Der Neubau wird leer sein. Außer einem Aufzug und einer Treppe, die in die oberen Etagen der historischen Häuser führt, wird er nicht viel mehr beinhalten. Ein Gebäude, das doch keines ist und auch keinen separaten Eingang haben wird. Dass der Neubau durch die gläsernen Biberschwänze verschwommen erscheint ist gewollt. Dahinter schimmert das Fachwerk durch und soll die alte Handwerkskunst mit der modernen Architektur verbinden. Der Ort lebe von der Erinnerung, sagte Tobias Wulf gestern bei der Vorstellung. „Wir wollen etwas, was nicht mehr da ist, wieder hervorholen.“ Der Besucher soll im Haus selbst zum Zeitzeugen werden.

Ein einmaliges Erlebnis verspricht Dr. Elke Nagel den zukünftigen Museumsbesuchern. „Sie werden Geschichte mit allen Sinnen erleben.“ Für Bauhistoriker sind die Häuser aus dem 14. Jahrhundert ein wahrer Fundus und von wissenschaftlichem Wert, der weit über die Grenzen Reutlingens hinaus Bedeutung haben werde, betont Nagel. „Das ist eine einmalige Chance für uns alle.“ Bereits jetzt können sich Interessierte über alle Fortschritte rund um die Sanierungsarbeiten informieren über www.reutlingen.de/oberamteistraße. Die Projekthomepage dokumentiert jeden Schritt und berichtet über Funde.

Wie geht es nun weiter? An verschiedenen Samstagen bietet die Stadt offene Gesprächsangebote und Führungen an der Modellfassade an. Der Gemeinderat soll in der ersten Hälfte des kommenden Jahres 2020 den Baubeschluss für das Häuserensemble fassen. Dann ist auch geplant, das an das Häuserensemble anschließende Heimatmuseum umzubenennen, zum Beispiel in Stadtmuseum oder historisches Museum.

Rund 1,2 Millionen Euro sind allein in den Jahren 2019/2020 für das Häuserensemble Oberamteistraße im städtischen Haushalt eingeplant. Die historische Häuserzeile soll Zeugnisse der Wohnkultur und des Lebens der Menschen in einem Zeitraum von 700 Jahren geben. Die Erschließung erfolgt über den historisch gotischen Durchgang der Oberamteistraße 30. Die Räume werden in verschiedene Zeitepochen versetzt.

Die Häuserzeile erzählt Geschichten

Im Werkstattbericht der Planer zur Oberamteistraße 28-34 heißt es: „Dieses einmalige mittelalterliche Ensemble wird seine Besucher zu einer Zeitreise durch 700 Jahre Stadt-, Kultur- und Baugeschichte einladen. Der Hauch der Geschichte mit all der im Laufe der Zeit erfahrenen Veränderungen, ob freiwillig oder größeren Ereignissen zwanghaft folgend, wird die Reutlinger Stadtgeschichte exemplarisch nachzeichnen.“ Die Häuserzeile hat ihren Ursprung im 14. Jahrhundert und gilt als eine der ältesten zusammenhängenden Fachwerkhäuserzeilen Süddeutschlands. Der Neubau soll das im Jahr 1972 abgerissene so genannte „Steinerne Haus“ ersetzen und die durch den Abriss in Schieflage geratenen Häuser statisch sichern.