Erst das vierte Opfer brachte den Stein ins Rollen: Nachdem eine damals 11-Jährige von ihrem Großvater sexuell missbraucht worden war, erzählte sie ihrer Familie von der Tat. Die Tante des jungen Mädchens hatte selbst Jahrzehnte des Schweigens hinter sich: Bis zum 16. Lebensjahr war auch sie von dem Angeklagten, ihrem eigenen Vater, missbraucht worden. Damit nicht genug: Die damals missbrauchte Frau musste schließlich erfahren, dass auch ihre eigene Tochter ein Opfer des Großvaters geworden war – und zehn Jahre darüber geschwiegen hatte.

Geistig behinderte Freundin seines Sohnes missbraucht

Durch den Spürsinn der ermittelnden Beamtin kam schließlich noch ein viertes Opfer ans Licht: Der 76-jährige Angeklagte, der in Reutlingen lebt, hatte auch die geistig behinderte Freundin (32) seines Sohnes mindestens drei Mal missbraucht. Der Angeklagte sitzt an diesem Verhandlungstag beinahe teilnahmslos auf seinem Stuhl. Er muss am Rollator gehen seit einem Sturz. Außerdem sagt er, dass er schlecht hört und moniert nach der ersten Hälfte der Verhandlung, dass er wenig mitkriegt: „Manches zieht an mir vorbei.“ Da wird es Richter Eberhard Hausch zu bunt: „Ich denke nicht, dass alles an Ihnen vorbeizieht. Ich denke eher, dass Sie vieles an sich vorbeiziehen lassen wollen.“

Es ist eine Familientragödie in mehreren Akten, die an diesem Tag verhandelt wird. Die Opfer müssen an diesem Tag nicht vor Gericht aussagen. Das habe auch der Großvater ihnen ersparen wollen, trägt dessen Pflichtverteidiger Thomas Rogge vor. Er erklärt, dass sein Mandant gesundheitlich und auch geistig sehr eingeschränkt sei, auf Grund von zwei Schlaganfällen. „Also ich hatte nicht den Eindruck, dass ich mit jemandem spreche, der nicht weiß, was er sagt“, entgegnet die ermittelnde Beamtin.

Sie berichtet: Von Seiten des Rentners seien Sätze gefallen wie „Ich hab sie (seine Enkelin) halt gekitzelt – und die jungen Mädchen haben heute ja auch gar nichts mehr an.“ Den Missbrauch der geistig behinderten 32-Jährigen, die bei ihm und seinem Sohn im Haus übernachtet hatte, habe er ebenfalls gerechtfertigt: Die Frau hätte schließlich die Zimmertüre abschließen können, wenn sie nicht gewollt hätte. Pflichtverteidiger Rogge betont am Ende der Verhandlung, dass hier ein „gebrochener Mann“ sitzt, der sich hinter diesen Aussagen versteckt. Er erwähnt außerdem, dass sein Mandant schon im Sommer 2018 seinen Hausarzt aufgesucht hatte, dem er von einem der Missbrauchsfälle berichtete und bei dem er sich nach Hilfe erkundete. „Es hat ihn also schon bewegt.“

Richter Eberhard Hausch sieht das anders: „Er ist erst zum Hausarzt gegangen, als die Sache schon aufgeflogen ist.“ Außerdem sei er seit dem ersten Besuch nie wieder dort gewesen. Hausch schließt sich mit seinem Urteil den Forderungen von Oberstaatsanwältin Luther und Nebenklagevertreterin Andrea Sautter an: Der 76-Jährige wird zu drei Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Der Angeklagte hatte – auch bei einer der ersten Aussagen – folgendes gesagt: „Männer sind eben so, wenn sie die Gelegenheit haben, greifen sie zu.“ Dem widerspricht Richter Hausch am Ende dieser Verhandlung heftig. „Nein. So sind wir Männer eben nicht.“

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