Reutlingen Die Leiden der jungen Schnurbäume

Planungsfehler und Mängel in der Bauausführung machen den japanischen Schnurbäumen rund um die Reutlinger Stadthalle das Leben schwer.
Planungsfehler und Mängel in der Bauausführung machen den japanischen Schnurbäumen rund um die Reutlinger Stadthalle das Leben schwer. © Foto: Ralf Ott
Reutlingen / RALF OTT 27.07.2016
Die Schnurbäume an der Stadthalle wachsen nicht so wie vorgesehen. Grund: Sie haben zu wenig Platz. Die Stadt fordert jetzt Schadenersatz.

Die japanischen Schnurbäume auf dem Areal des Bürgerparks rund um die Reutlinger Stadthalle leiden in mehrfacher Hinsicht: Die Pflanzgruben, auch Baumquartier genannt, wurden in der Planung zu klein bemessen und bei der Ausführung nochmals um die Hälfte verringert. Dazu kommen Mängel in der anfänglichen Bewässerung, Frostschäden als Folge der Pflanzung im Winter sowie Schäden an 87 Prozent der Bäume durch den Hagel Ende Juli 2013. Folge: Das erwünschte zusammenhängende grüne „Blätterdach“ ist noch lange nicht in Sicht.

Fachleute und auch viele Laien hatten schon lange die schlechte Entwicklung der Schnurbäume rund um die Stadthalle bemängelt. Ein ausführliches Gutachten benennt jetzt verschiedenste Fakten, die in ihrer Gesamtheit den Schnurbäumen das Leben erschweren. Gestern präsentierten Erste Bürgermeistern Ulrike Hotz, Tiefbauamtschef Arno Valin sowie der Rechtsanwalt Dr. Ulrich Locher, der die Schadenersatzforderungen der Stadt geltend machen soll, die Ergebnisse gegenüber den Medien. „Die ganze Sache ist sehr ärgerlich“, sagte Hotz eingangs und verwies auf die Mixtur der Fehler – nämlich in der Planung, der Bauausführung sowie bei der Pflege in der Anfangsphase, zu denen obendrauf noch die Schäden durch das Hagelunwetter kommen.

Die gesamtschuldnerische Haftung liegt aus der Sicht der Stadt bei der Kienle Planungsgesellschaft als dem verantwortlichen Architekturbüro. So gibt die FFL (Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau) für innerstädtische Baumquartiere eine Mindestgröße von zwölf Kubikmetern vor. In der Planung wurden jedoch nur 9,6 Kubikmeter vorgesehen. Die Umsetzung der Baumaßnahmen erfolgte durch die Firma Meyer aus Villingen-Schwenningen. Dabei kamen weitere Fehler hinzu. Um die Überfahrbarkeit mit Lastwagen zu gewährleisten, wurde die Tragschicht nicht nach der Vorgabe der FFL-Richtlinien mit maximal 36 Zentimetern, sondern in einer Stärke von 63 Zentimetern ausgeführt. Das erschwert die Durchwurzelung genauso wie der durch den Baustellenverkehr verdichtete Boden, der bei der Pflanzung der Bäume nicht aufgelockert wurde.  Die Stahlumrandung um die Baumscheiben wurde mit einer bis zu 30 Zentimeter starken Betonrückenstütze abgesichert. Folge: Der Platz für die Baumwurzeln wurde weiter verringert. Letztlich bleibt den Bäumen damit nur rund vier Kubikmeter und damit ein Drittel des in der Richtlinie vorgegebenen Platzes, um sich mit Wasser und Nährstoffen versorgen zu können. Für die Stadt liegt auch hier die Verantwortung des Architekturbüros auf der Hand, schließlich war dieses auch mit der Bauüberwachung beauftragt.

Schäden an den Bäumen gehen auch auf die unsachgemäße Pflege nach der Anlieferung im November und Dezember 2012 – die Bäume lagerten mehrere Tage ohne Wurzelschutz vor der Stadthalle – sowie dem starken Frost während der Pflanzzeit zurück. Aufgrund der Witterung wurde der weiße Stammschutz erst ein halbes Jahr später aufgetragen und die Baumbewässerung konnte erst im August 2013 in Betrieb genommen werden. Viel zu spät, wie das jetzt fertiggestellte Gutachten belegt.  

Nach den derzeitigen Erkenntnissen müssen insgesamt zehn bis 20 der geschädigten Bäume ersetzt werden, erläuterte Hotz. Allerdings werden nur besonders stark in Mitleidenschaft gezogene Exemplare ausgetauscht. Für 69 der Baumstandorte rund um die Stadthalle, die als Erstes in den Bauabschnitten 1 A und B sowie 2 bepflanzt wurden, müssen die Baumquartiere vergrößert werden. In einem ersten Praxistest sollen im Sommer zwei Pflanzgruben durch die Firma Lutz + Riepert saniert werden, so Hotz weiter. Der weitere Umbau könnte dann Schritt für Schritt bis Herbst nächsten Jahres erfolgen, ergänzte Valin. Nach der Erweiterung steht den Bäumen ein Pflanzbereich von 20 Kubikmetern zur Verfügung und damit deutlich mehr als von Fachleuten gefordert.

Der als Folge der Planungs- und Baufehler entstandene Schaden beziffert sich auf rund 360?000 Euro. Allerdings müssen von dieser Summe die „Sowieso-Kosten“ abgezogen werden, erläuterte Locher. Das sind die Mehrausgaben für die Stadt, die bei von Anfang an größer vorgesehenen Baumquartieren ohnehin angefallen wären. Im Bereich der Skateanlage wurden diese Pflanzgruben bereits in der richtig bemessenen Dimension umgesetzt. Der Finanzausschuss musste für die rund 20 bis 25 Baumquartiere nachträglich Mehrkosten von 185?000 Euro genehmigen. Im Vergleich mit den Gesamtausgaben für die Stadthalle in Höhe von 46,6 Millionen Euro beziehungsweise 6,67 Millionen für die genannten ersten beiden Bauabschnitte der Außenanlage ist der „monetäre Schaden dennoch vergleichsweise gering“, betonte Hotz. Die Stadt hofft, eine finanzielle Entschädigung auf außergerichtlichem Wege zu erreichen und will mindestens 100?000 Euro für die Sanierung der 69 Baumquartiere sowie die weiteren Kosten für die Gutachten und den Austausch der besonders stark geschädigten Bäume einfordern.

Zu allem Überfluss gibt es bei der Auswahl der Bäume obendrein Mängel. So stimmt die Wuchsform der Exemplare vor der Stadthalle mit den Anforderungen einer flachen Kronenbildung überein, nicht jedoch bei den im zweiten Abschnitt am Echazufer gepflanzten Exemplaren. Diese wurden vor der Pflanzung im Sommer stark zurückgeschnitten, haben deshalb einen starken Nachtrieb entwickelt und werden nach Ansicht des Gutachters nie die gewünschte Form erreichen.

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