Literatur Die Grenzen sprengen

© Foto: Kathrin Kipp
Tübingen / KATHRIN KIPP 16.04.2015

Tübingen. „Es ist nicht das größte, aber das schönste Bücherfest Deutschlands“, findet Hermann Arndt-Riethmüller von der Buchhandlung Osiander, der das Bücherfest mit über 100 Veranstaltungen an 30 Orten wieder gemeinsam mit den Buchhandlungen Gastl und Wekenmann, der Stadtbücherei und dem Kulturamt organisiert.

Das Besondere in Tübingen sind ja nicht nur die vielen bekannten, regionalen und spannenden Autorinnen und Autoren, die laut Mitorganisator Michael Raffel immer wieder sehr gerne in die Hölderlin-Stadt kommen, sondern auch die lauschigen Orte, an denen gelesen wird: auf dem Stocherkahn wird wieder die Poesie den Neckar hinabgeschippert, auf dem Stadtfriedhof findet wieder der literarische Spaziergang mit Wilfried Setzler statt und im Antiquariat Heckenhauer kann das Hesse-Kabinett besucht werden. Gelesen wird außerdem im Botanischen Garten, im Innenhof des Bürgerheims, im Stadtmuseum, Pfleghof, Landgericht, im Garten des Evangelischen Stifts, am Hölderlinturm, im Wilhelmsstift oder hinter der Jakobuskirche.

Auf der Stiftskirchentreppe tummeln sich die sagenhaften Nibelungen aus dem Landestheater, und das Zimmertheater lädt zu einer „Golem“-Lesung in die nächtliche Judengasse. In der Altstadt findet auch wieder der Antiquariatsmarkt statt. Bei der Auswahl der Lokalitäten haben die Organisatoren auch darauf geachtet, dass die Orte in Größe und Atmosphäre auch zu den jeweiligen Autorinnen und Autoren passen.

Gastland ist dieses Jahr die Schweiz, weshalb gestern zur Präsentation des Programms im Hesse-Kabinett auch Konsul Hans-Peter Willi vom Schweizer Generalkonsulat Stuttgart angereist war. Die alemannischen Regionen der Schweiz und von Baden-Württemberg hätten ja eine gemeinsame Sprache und damit auch eine gemeinsame literarische Tradition, und Literatur könne ja schon immer „Grenzen sprengen“.

Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt und Friedrich Schiller („Wilhelm Tell“) können zwar nicht mehr zugegen sein, dafür gibt es eine Vielzahl aktueller Autoren, die das Tübinger Bücherfest mit Schweizer Themen und Neuheiten beleben: unter anderem Arno Camenisch („Nächster Halt Verlangen“), Franz Hohler („Der Autostopper“), Thomas Meyer („Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse“), Silvio Blatter („Wir zählen unsere Tage nicht“) oder die Krimi-Autorin Nicole Bachmann („Endstation Bern“). Mario Gmür wiederum analysiert das Verhältnis zwischen Charakter und Büroklammern-Verbiege-Kunst.

Was die sonstige Schöne Literatur anbelangt, haben die Organisatoren nach Bedeutung, Aktualität und eigenen Vorlieben ausgewählt und geschaut, wer gerade alles so „im Gespräch“ ist. Und so ist unter anderem Nino Haratschwili zu Gast, die in „Das achte Leben“ sechs Generationen zwischen 1900 in Georgien und 2005 in Deutschland beschreibt. Vea Kaiser („Blasmusikpop“) ist vertreten mit „Makarionissi oder die Insel der Seligen“, Barbara Honigmann mit der „Chronik meiner Straße“ der Holocaust-Überlebenden in Straßburg, Uwe Timm liest aus „Montaignes Turm“, Arno Geiger aus „Selbstporträt mit Flusspferd“, Rafik Schami erzählt über Damaskus, Thomas Brussig liest aus „Das gibt’s in keinem Russenfilm“, Raoul Schrott „Die Theogonie des Hesiod“ und Eva Hesse die Lieblingstexte ihres Großvaters Hermann Hesse.

Im Ehrfurcht gebietenden Landgericht geht es wieder kriminell zu: Jan Seghers hat’s von der „Sterntaler-Verschwörung“, Volker Kutscher liest aus „Märzgefallene“, Bielefeld und Hartlieb haben es von Verbrechen in der Kunstszene, Martin Walker kommt mit seinem siebten Fall für Chef de police Bruno, und Ursula Poznanski hört „Stimmen“.

Sachbücher kommen auch zu Gehör, unter anderem hat es Michael Wolffsohn mit dem „Weltfrieden“, Bernhard Pörksen mit der „Kommunikation als Lebenskunst“, und Jürgen Roth präsentiert seine „Gebrauchsanweisung für die Formel 1“, während Wilhelm Schmid über die „Gelassenheit“ philosophiert. Für den Nachwuchs ist selbstverständlich auch einiges geboten, unter anderem kann man mit Kirsten Boie „Ferien im Möwenweg“ erleben.

Regionales ist ebenfalls präsent, nicht nur mit Tübinger Autorinnen und Autoren, sondern auch mit Kabarettist Bernd Kohlhepps „Hämmerle“, Olaf Nägele mit seiner „Buddha-Brezel“ und Oma Paula mit ihrem Witzbüchle.

Info Programm unter www.tuebinger-buecherfest.de.

Tickets kosten 15 Euro (ermäßigt 5 Euro) fürs gesamte Bücherfest, es gibt aber auch Einzel-Tickets für die Lesungen, die zweistündig getaktet sind. Die Veranstalter rechnen mit 12 000 bis 14 000 Besuchern, deshalb empfiehlt es sich, für die Publikumsrenner Karten bereits im Vorverkauf zu besorgen. Für fast alle Veranstaltungen gibt es übrigens Schlecht-Wetter-Lösungen.

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