Vertrauenerweckend schaut anders aus: Riesige dunkle Gestalten stürmen mit Kampf-Geschrei über die Straße. Kriegerisch kommen sie daher und zottelig. Ihre Vorbilder: Mottles Heer, das einst ganz Pfullingen in Angst und Schrecken versetzt haben soll. „Ja, es waren keine von den Guten“, sagt Thorsten Viehl über die historischen Vorbilder seines Fasnets-Vereins. Aber nett und freundlich aussehen, das  wollten die Gründer der Narrenzunft auch nicht, als sie sich vor 20 Jahren zusammengetan haben. Ihr Häs sollte eines von der beeindruckenden Sorte sein.

Wenn die Mottles weiland die Stadt aufgemischt haben, dann sollen sich die Menschen der Sage nach zitternd auf den Boden geworfen haben.  Doch die Zeiten haben sich offenbar geändert. „Wenn heute jemand auf dem Boden liegt, dann sind wir das selbst“, muss der Vereinschef zugeben. Er und sein Heer sind inzwischen so bekannt, dass sie kaum mehr jemanden in die Flucht schlagen können. Und auch, dass sich hinter den schweren, böse dreinblickenden Masken, die ein Holzschnitzer aus Steinhilben gemacht hat, freundliche Leute verstecken, hat sich längst herumgesprochen.

Das Rätsel, warum sich durchaus umgängliche Menschen in überdimensionierte Jacken hüllen, die mit schwarzen und dunkelbraunen Lederschuppen besetzt sind, warum sie sich Stulpen aus Heidschnuckenfell und eine zerzauste Haarpracht aus Pferdeschweifen antun, ist derweil schnell gelöst. „Weil ich, als ich das Häs damals gesehen habe wusste: Das oder keins“, sagt Waltraud Früh, eine eher schmächtige 62-Jährige, die an der Verkleidung zwar mächtig zu schleppen hat, aber in ihrem Element ist, wenn sie mit den anderen Kriegern auf Tour geht. „Es ist eine tolle Truppe und der Spaß in der Gemeinschaft ist das, was zählt“, sagt sie. „Du musst dich einfach wohlfühlen, wenn du in dein Häs steigst. Und das tun wir“, ergänzt Markus Göhring, der zweite Mottles-Vorsitzende.

Das Häs hat, zumindest aus ökologischer Sicht, durchaus seine Vorteile – denn es besteht nur aus Naturprodukten und hält selbst in eisigsten Zeiten noch mollig warm. Allerdings ist es auch nicht gerade günstig ist. 380 Euro kostet der Masken-Rohling ohne Haar und Kopftuch, über 1000 Euro muss ein Mottle fürs Komplett-Outfit hinlegen. Eine Investition, die sich lohnt. „Die Leute sind begeistert, wenn sie uns sehen“, berichtet der Vereins-Chef.  Mottles Heer bringt Abwechslung in die Umzüge, bei denen oft jede zweite Gruppe aus Hexen besteht. Dass die Pfullinger Zunft dieser Tage in der näheren Umgebung unterwegs ist, versteht sich von selbst. „Wir fahren aber auch ins Allgäu oder in Richtung Freiburg“, erzählen Viehl und Göhring – und gerade die Busfahrten und längeren Ausflüge sind es, die die Gruppe zusammenschweißen wie eine Familie.  Mottles aller Altersgruppen und aus allen Berufen – Fliesenleger und Gipser sind genauso dabei wie Biogärtner und Schüler – bilden eine eingeschworene Gemeinschaft. Kein Wunder also, dass Waltraud Früh dabei zu einer Ersatzoma für die 14-jährige Amelia Graziano geworden ist. Die liebt nicht nur die Fasnet und den Umtrieb, sondern auch ihr Häs. Auf die Maske allerdings muss Amelia noch warten. „Die gibt’s bei uns erst mit 16“, erzählt sie. Dass sie dann vielleicht nicht mehr dabei ist, kann sie sich nicht vorstellen, so begeistert wie sie von ihrer Narrenzunft ist. Und dass Amelia derzeit jedes Wochenende von Freitag bis Sonntag mit dem Verein unterwegs ist, scheint auch kein Problem zu sein. „Ich hab’ gerade erst drei Klassenarbeiten geschrieben. Für die hab’ ich dann halt unter der Woche gelernt“, berichtet die Schülerin, die bereits jede Menge Freundschaften mit dem Nachwuchs anderer Vereine geschlossen hat. „Was ja auch wichtig ist“, wie Thorsten Viehl findet. Denn  gerade im Festzelt oder bei den Brauchtumsabenden bilden die Hästräger zunftübergreifend eine Einheit. „Da wird jeder so akzeptiert, wie er ist und die Kameradschaft groß geschrieben“.

„Allerdings wird man mit dem Alter auch ruhiger. Ich bin nicht mehr so umtriebig wie früher“, erzählt der Vereinschef, der mit manchen Entwicklungen bei der Fasnet auch so seine Probleme hat. „Früher wurde mehr geschunkelt und mitgemacht bei den Veranstaltungen. Heute gehe ich bei den Umzügen zu manchen Zuschauer-Cliquen mit Jugendlichen gar nicht mehr hin, weil die oft alkoholisiert sind“. Manche, weiß Viehl, werden dann richtig aggressiv. Einmal ist sogar eine Hexe direkt vor seinen Augen bei einem Umzug zusammengebrochen. „Ein Zuschauer hat ihr einfach ein Messer in die Rippen gestoßen“, erzählt der Mottles-Chef, der sich die Freude an der Fasnet trotzdem nicht nehmen lassen will. Vor allem vom Schmotziga Doschdig bis Faschingsdienstag wird auch heuer durchgefeiert. Und beim gemeinsamen Abschlussessen vorm Aschermittwoch verdrücken die Krieger von Mottles Heer sogar die eine oder andere Träne – die unter der dicken Maske freilich nicht zu sehen ist.

„Aus em Weg, aus em Weg!“


Der Schrei „Aus em Weg“ ist das Markenzeichen des Pfullinger Vereins, der sich vor 20 Jahren gegründet und damals die Mottles-Sagengestalten als Vorbild für sein Häs genommen hat. Derzeit hat der Verein 60 aktive und 30 passive Mitglieder. Wer mitmachen möchte, muss eine einjährige Probezeit bestehen, dann wird über seine Aufnahme abgestimmt.