Bildung Die Flüchtlingswelle erreicht die Bildungslandschaft

Kunst oder Handwerk?: Fachlehrer Karolj Vecernjes gibt dem 22-jährigen Eritreer Abed in der Maler-Werkstatt Tipps zur Spiritusbatik-Technik.
Kunst oder Handwerk?: Fachlehrer Karolj Vecernjes gibt dem 22-jährigen Eritreer Abed in der Maler-Werkstatt Tipps zur Spiritusbatik-Technik. © Foto: Peter U. Bussmann
Reutlingen / PETER U. BUSSMANN 15.07.2016
Eine Momentaufnahme der Bildungssituation junger Asylbewerber vermittelte gestern das Regierungspräsidium am Beruflichen Schulzentrum.

„Warum brauchst Du ein Handy?“ fragt der junge Schwarzafrikaner etwas stockend, aber verständlich seinen ebenfalls dunkelhäutigen Nebensitzer. „Weil ich mit meiner Familie telefonieren möchte“, antwortet der ebenso klar. „Sehr schön war das mit dem Verb am Ende“, lobt Nicole Feige. Die Lehrerin übt an der Laura-Schradin-Schule mit einem guten Dutzend Flüchtlingen im Vorbereitungsjahr Arbeit und Beruf ohne Deutschkenntnisse (VABO – siehe Infokasten) die mündliche Prüfung anderntags. Kleine Dialoge, einfache Fragen sollen erörtert werden. Ganz im Sinn der Sprachniveau Globalskala, die am Ende des Jahres das Niveau A 2 vorsieht: „Kann Sätze und häufig gebrauchte Ausdrücke verstehen, kann sich in einfachen, routinemäßigen Situationen verständigen.“

Diese VABO-Klassen sind wesentlicher Teil der Integrationsarbeit. 15 davon gibt es an den Beruflichen Schulen im Kreis für rund 270 junge Migranten und Asylbewerber, auf der Warteliste stehen weitere 200 Schüler, erläuterte gestern Vormittag Landrat Thomas Reumann. Elf neue Klassen werden jetzt eingerichtet, daneben laufen vier VABO-Klassen bei privaten Trägern.

„Der erste Schritt zur Integration der Flüchtlinge ist die Vermittlung von Sprachkompetenz“, weiß auch Dr. Jörg Schmidt. Der Tübinger Regierungspräsident berichtete im Beruflichen Schulzentrum Reutlingen von 289 Vorbereitungsklassen für rund 4700 Kinder und Jugendliche an allgemeinbildenden Schulen und 115 VABO-Klassen  für fast 2000 junge Asylbewerber im Regierungsbezirk. Hierfür Lehrkräfte und Schulraum zur Verfügung zu stellen war eine gewaltige Herausforderung. „Wir sind nicht ohne Containerlösungen ausgekommen“, räumt  Schmidt ein, denn „die Schulraumplanung fährt hier immer auf Sicht“.

Schwierig gestaltete sich die Suche nach geeigneten Lehrkräften für Deutsch als Fremdsprache mit interkultureller Kompetenz, denn „der Lehrermarkt ist hier leergefegt“. Dennoch wurde 1162 neue Stellen im Land geschaffen.

Damit nicht genug, weiß Schmidt. Neben der Sprache heißt es für die Flüchtlinge in der fremden Welt auch interkulturell zu lernen und zu verstehen. So müssen seiner Ansicht nach alle Beteiligten „aufeinander zugehen, sich den Gepflogenheiten anpassen, um nicht in die Isolation zu rutschen“. Wichtig sei zudem die Aufarbeitung der Traumatisierung durch Kriegs- und Fluchterfahrungen durch Schulpsychologen.

Für Rolf König, den scheidenden geschäftsführenden Schulleiter, ist die Befähigung von Migranten zur Integration „eine alte Aufgabe der Beruflichen Schulen“. Auf die steigenden Schülerzahlen konnte Reutlingen zum Glück schnell reagieren, hier konnten die Container vom Umbau der Theodor-Heuss-Schule einfach weiter genutzt werden.

Mit Blick auf die unterschiedlichen Vorstellungen warnte er  vor überzogenen Erwartungen: „Wir sind ein Hochtechnologieland, da werden hohe Ansprüche an die Mitarbeiter gestellt und gelten klare Regelwerke.“ Und er weiß: „Etwas  Sprache zu können reicht nicht“, doch Deutsch zu lernen und die Fachsprache brauche Zeit. Nach zwei Jahren allgemeinem Spracherwerb und einem weiteren Jahr Berufsfachschule mit Praktika folge dann erst die Duale Ausbildung auf dem Weg zur Fachkräfteposition. „Fatal“ wäre es für König, wenn die jungen Leute nur eine Hilfsjobrolle wegen des schnellen Geldes anstrebten.

Angekommen ist die Flüchtlingsfrage mittlerweile auch an den Realschulen und Gymnasien, berichtete Schulrat Carsten Zühlke vom Staatlichen Schulamt Tübingen. Im Kreis Reutlingen gibt es bislang 13 Vorbereitungsklassen für Migranten an den Grundschulen und fünf an weiterführenden Schulen. Am Albert-Einstein-Gymnasium Reutlingen, so berichtete dessen Leiter Dr. Günter Ernst, läuft zudem seit drei Jahren ein Sprachfördergruppe für besonders talentierte Migrantenkinder. Im kommenden Schuljahr wird daraus die erste gymnasiale Vorbereitungsklasse. Sie soll flexibel an den Fachunterricht herangeführt werden und hat das Ziel „einen Abschluss zu schaffen, der auch hält“, sagt Ernst – eine weitere, spannende Herausforderung.

STICHWORT: VABO

Das Vorbereitungsjahr Arbeit und Beruf ohne Deutschkenntnisse (VABO) stellt eine Sonderform des VAB an beruflichen Schulen in Baden-Württemberg dar. Hier erhalten seit 2015 überwiegend jugendliche Migranten von besonders geschulten Lehrkräften für „Deutsch als Fremdsprache“ ein gezieltes Sprachförderangebot, um eine bessere Integration in die Gesellschaft sowie Beruf und Arbeit zu ermöglichen.

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