Reutlingen Dichtest du noch oder lebst du schon?

Sommertheater vor der Fachwerkkulisse: Die Tonne bringt „Cyrano de Bergerac“ auf die Bühne.
Sommertheater vor der Fachwerkkulisse: Die Tonne bringt „Cyrano de Bergerac“ auf die Bühne. © Foto: Theater Tonne
Von Kathrin Kipp 14.07.2018

Im Krieg und in der Liebe sind bekanntlich alle Mittel erlaubt. Deshalb lässt sich der schöne, rhetorisch aber leicht eingeschränkte Christian seine Liebesbriefe von Ghostwriter Cyrano schreiben. Seine angebetete Roxane lässt sich von den vollendeten Mailings schwer beeindrucken. Der poetisch hochbegabte, aber mit einer großen Nase belastete Cyrano wiederum lässt sich vor lauter Komplexen in ein eher passives Liebesleben drängen. Und der böse Graf lässt seinen Nebenbuhler kurzerhand an die Kriegsfront versetzen.

Briefgeheimniskomödie

Die Tonne bringt dieses Jahr die neoromantische Briefgeheimniskomödie „Cyrano de Bergerac“ nach Edmond Rostand von 1897 auf die Sommertheater-Bühne im Spitalhof. Eine perfekte Umgebung für ein Stück, in dem die Briefe und Gefühle nur so flattern und in dem sich der streitbare und freigeistige Musketier Cyrano vor der Fachwerkkulisse mit jedem Dahergelaufenen ein Degenduell liefert. Als Ersatz für die genretypischen Mäntel flattern hier überall sommerlich weiße Vorhänge im Wind (Regie und Ausstattung: Stephanie Rolser), während ein Musiker (Andrej Mouline im Wechsel mit Igor Omelschuk) mit seinem Akkordeon jede Menge Action, Drama und französische Wehmut produziert. Unglaublich, wie viel Stimmung und Atmosphäre er aus seinem Instrument herausholt, wie er Gefechte und Spannung anheizt. Und wie er die Dramatik zuspitzt, wenn am Ende Roxane und die drei Kavaliere aufeinandertreffen, um ihre komplizierten Liebes- und Machtverhältnisse zu verhandeln, während der Feind schon im Anmarsch ist: großes Kino. Einfache Mittel – starke Wirkung.

Erzählt wird die Geschichte aus dem Nachhinein: Cyrano ist gerade am Sterben, hat aber immer noch die Energie für ein paar wohlformulierte Reime. Roxane erkennt in ihm endlich den Verfasser der Liebesbriefe von damals. Und weiß dann erst recht nicht mehr, wen oder was sie vor 15 Jahren eigentlich geliebt hat. Die schönen Reime von Cyrano oder deren schöne Hülle in Form von Christian? Oder keinen von beiden oder beide im Doppelpack? Und wieder einmal erscheint die Liebe als bloßes Produkt unserer romantischer Fantasien und süß formulierter Lügen. Vor lauter Rhetorik wird hier kaum wirklich miteinander geredet. Cyrano wiederum erachtet sich wegen seines Makels als der Liebe nicht würdig und verzichtet großmütig, damit er ja nicht auf die Nase fällt. Christian wiederum findet, dass man dem Geliebtwerden ruhig etwas künstlich nachhelfen kann und die kesse Roxane quält die Männer mit ihren hohen Ansprüchen: Sie will immer alles und zwar sofort und das soll dann auch noch gut aussehen. Der schlimme Graf wiederum versucht, sie mit Intrige und dem Ausspielen seiner Macht an sich zu binden, wird aber hinters Licht geführt. Und so werden hier alle möglichen Spielarten der Balz durchgespielt, angereichert mit klassischen Männersachen wie Ehre, Tapferkeit, Rache, Stolz, Eifersucht, Ritterlichkeit und nicht eingestandenen Gefühlen – alles eben, was das Leben noch komplizierter macht.

Ensemble in Lederhosen

Das Ensemble in Lederhosen und luftig weißen Musketier-Hemden bringt all diese tiefen Gefühle, aber auch die Situationskomik, die betörende Rhetorik, die Fechtchoreos und die legendäre Balkonszene hervorragend auf die Bühne: Allen voran der stolze Cyrano, der keines Herren Diener sein will, und der nicht nur eine große Nase hat, sondern auch eine große Schnauze: Robert Atzlinger reimt, was das Zeug hält, gibt seinen Degenhelden so draufgängerisch wie verletzlich, macht auf mutig und hat dann doch so viel Angst vor der Liebe, konzentriert sich deshalb ganz aufs Kämpfen und Dichten. Heiner Kock als Playback-Romeo soll möglichst wenig eigenen Text sagen, kann dafür aber wunderbar schön dreinblicken und im Gefecht seine Gelenkigkeit unter Beweis stellen.

Nina-Mercedés Rühl wiederum spielt ihre Roxane so großartig forsch, dass die Männer schnell mal überfordert sind. Dafür wird sie als Projektionsfläche derer geistigen Ergüsse missbraucht. Auch sie selbst ist ganz groß im Verdrängen der Wirklichkeit. Wolfgang Grindemann schlüpft derweil in die Rollen der Nebenfiguren und denkt sich seinen Teil, während Sebastian Hammer als fieser Graf den ganzen Hass des Publikums auf die Machthaber unserer Welt auf sich ziehen muss.

Sommertheater im Spitalhof

Weitere Vorstellungen: 14., 18., vom 20. bis 22. und vom 25. bis 29. Juli sowie vom 1. bis 5. August. Mittwoch bis Samstag ist der Beginn jeweils um 20 Uhr, Sonntag um 18 Uhr. Bei starkem Regen findet das Sommertheater im neuen Tonne-Gebäude in der Jahnstraße statt.

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