Bei Poetry Slams geht es nicht nur um Lyrik, es geht auch um Unterhaltung: Das zeigte sich am Freitag beim Pfullinger Poetry Slam, zum zweiten Mal organisiert vom Jugendgemeinderat und der Kreissparkasse Reutlingen. Zehn Slammer beteiligten sich an dem Dichterwettstreit in den Räumen der Kreissparkasse Pfullingen, als gemeinsame Siegerinnen wurden Anne Sanden (aus Rottweil) und Johanna Döffinger vom Publikum gekürt.

Ein Bauarbeiter ist an allem schuld. Mitte der 1980er Jahre ließ Marc Smith den Bau einfach Bau sein, stellte sich in Chicago im Green Mill Jazz Club vor wildfremde Menschen hin und trug Gedichte vor. Einfach so. Eigene Stücke oder die seiner Lieblingsdichter. Und löste damit einen Boom aus.

Zigtausende haben es dem charismatischen Amerikaner mit der Boxernase und der fesselnden Stimme nachgemacht, sich auf die Bühne getraut und dort preisgegeben, was sie im Innersten bewegt – in Reimform, als Lied oder als Rap. Anfang der 1990er Jahre kam der Dichterwettstreit nach Deutschland und seit 2017 ist der Poetry Slam auch in Pfullingen kein Fremdwort mehr.

Denn da starteten der Jugendgemeinderat und das Jugendreferat Pfullingen gemeinsam mit der Kreissparkasse ihren ersten Slam mit großem Publikumszuspruch. Auch am Freitag war die umgeräumte Schalterhalle mit knapp 200 Besuchern bis auf den letzten Platz besetzt. Sie alle waren gekommen, um den jungen Slam-Poeten beim Wettstreit zuzuhören.

Zur Einstimmung gab Jonas Wolf am Klavier pfiffig-musikalische Verse zum Besten und der bekannte Stuttgarter Stand-up-Poet und Slammaster Timo Brunke nahm Schillers Ballade „Der Taucher“ als Vorlage für seine geniale Science-Fiction-Version von Spacediver Cschun: „Prinzessin Lachma und Spacediver Cschun / lassen ihre Blicke ineinander ruhn / sie lieben sich, sind schön wie die Galaxis / ihre Augen sind die Sterne, gegen die das All ein Klacks ist“.

Nach der Begrüßung von Kreissparkassen-Regionalleiter Bernd Schwab und Jugendgemeinderat Michael Schwarz machte sich Timo Brunke an die Erklärung der Regeln: Der Dichter trägt sich vor Beginn der Show in eine Liste ein. Wenn er Glück hat, wird sein Name nicht gleich als Erster aus dem Hut gezogen. Dann darf er sich mit seiner Lyrik vor den Besuchern austoben. Der Text muss selbst geschrieben sein, sollte zum Motto „Fühl dich frei! – feel free?“ passen und  Begleitinstrumente und Hilfsmittel jedweder Art sind untersagt.

Nur das Wort und die Art des Vortrags zählen. Die Zeit ist knapp, fünfeinhalb Minuten sind erlaubt, dann wird der Vortrag von einer Besucherin mit Stoppuhr unterbrochen.

  Der Wettstreit ist in zwei Runden mit jeweils fünf Slammern aufgeteilt und am Ende gibt es ein Finale zwischen den Gewinnern der beiden Runden. Zwar lasen alle auftretenden Dichter vom Blatt ab, aber es gab doch entscheidende Unterschiede in der Art der Performance und ob der Text das Publikum berührte. Denn Poetry Slam bedeutet nicht einfach nur lebloses Gedankenspiel zum Besten zu geben, sondern vielmehr für witzige Unterhaltung zu sorgen, die sich am täglichen Leben orientiert.

Da wurde beispielsweise über Selbstbestimmung, Sarkasmus und Freiheit, über das Schreiben und die Zeit zwischen Schule und Studium philosophiert oder einer der jungen Dichter machte sich Gedanken, „was Freiheit eigentlich bedeutet“. Am Ende erreichten Anne Sanden und Johanna Döffinger das Finale und gingen beide als Siegerinnen aus dem Wettbewerb hervor. Das Publikum klatschte für beide gleich stark, sodass sie sich Platz eins teilten.

Wer sich unter einem Dichterwettstreit eine hochintellektuelle Angelegenheit in ehrfurchtsvoller Atmosphäre bei gedämpftem Licht vorstellt – an dem muss die Poetry-Slam-Bewegung spurlos vorübergezogen sein. Oder er war eben nicht beim Pfullinger Poetry Slam, der im nächsten Jahr auf alle Fälle eine Fortsetzung finden soll, wie die Veranstalter durchblicken ließen.