Metzingen Der Sturm ist da, die Erde bebt!

Die Geschichte um Robin Hood spielt zwar im Mittelalter – doch aktuelle Bezüge gibt’s genug.
Die Geschichte um Robin Hood spielt zwar im Mittelalter – doch aktuelle Bezüge gibt’s genug. © Foto: Kathrin Kipp
Metzingen / KATHRIN KIPP 25.07.2016
„Für die Liebe! Und für England!“ Mit  Schmiss, Pathos, Romantik und entzückender Musik kämpft Robin Hood in Metzingen für eine bessere Welt.

Nicht nur aktuell müsste das Crazy-England mal wieder gerettet werden. Auch schon im Mittelalter brauchte es dazu unerschrockene, tapfere Helden mit Gerechtigkeitssinn und einem großen Löwenherz: Helden wie Robin Hood, der es bekanntlich den Reichen nimmt und den Armen gibt.

Bevor der Waldschreck allerdings auch in Metzingen England retten konnte, wurde er erst einmal durchs klassisch britische Wetter ausgebremst: die Premiere am Freitag musste regenbedingt schon kurz nach der romantisch-dramatischen Ouvertüre abgebrochen werden, und auch die Samstagsaufführung erfuhr eine nasse Zwangspause. Aber wenn sich im Sherwood Forest die Räuberbande von nichts aufhalten lässt, dann gilt das gleich zweimal für die engagierte und sehr konzentrierte Metzinger Musical-Truppe unter der Regie von Birgit Hein.

Und so kämpft sie nicht nur für Gerechtigkeit, für Freiheit und für England, sondern schmettert dabei auch noch jede Menge prächtiger Songs in den Nachthimmel. Stephen Blaich sorgt mit der Jungen Sinfonie Metzingen und dem Schüler-Eltern-Chor des Bonhoeffer-Gymnasiums für die verschiedensten Stimmungen zwischen Resignation, Aufbruch und Liebesschmerz im Land, wo durch den Machtwechsel auf dem Thron mittlerweile „ein kalter Wind weht“, wie der Chor dem Publikum bedrohlich ins Ohr flüstert, bevor die Protagonisten und das Volk auf der Bühne ihre Klageballaden, Streitduette, Mitklatschschlager, Schmachtsongs, Motivationshymnen und Kampflieder mal einzeln, mal chorisch, aber immer mit viel Inbrunst zum Besten geben.

Die Regie wiederum sorgt mit effektvollen Massenszenen, kreativen Tanz-Einlagen und kämpferischen Choreographien dafür, dass auch optisch immer was geboten ist: „Der Sturm ist da, die Erde bebt!“, heißt es immer wieder und das Volk reckt die Faust. Im Königspalast (Bühnenbild: Volker Illi) wird derweil am liebsten in glitzernden Kostümen (Katharina Gütter) höfisch getanzt und hemmungslos Steuergelder verprasst, während auf den Straßen die armen Lumpenleute gedemütigt, ausgebeutet und unterdrückt werden.

Bei aller Tragik bleibt aber auch immer wieder Raum für einen Gag, etwa, wenn Lady Marian und Hofdame Amelia von ihren Kokosnuss-Rittern auf der Trash-Sänfte durch den Wald getragen werden und die miserabel getarnten Räuber hinter den Büschen lauern. Oder wenn die Räuber ihre kleinen Erfolge mit einem Tröpfchen der Marke „Metzinger Hofsteige“ feiern, sich zu einer Polonaise formieren oder ihren vereinseigenen Troubadix fesseln, um ihn daran zu hindern, eine seiner schlecht gereimten Oden zu deklamieren.

Natürlich kommt es bei so viel Kampfgeist und Hormonwallung auch zu der ein oder anderen handfesten Auseinandersetzung mit Faust, Stock und Schwert. Dabei haben es vor allem der schneidige Robin Hood und der dauerbrünftige Sheriff von Nottingham (Dennis Johnson) aufeinander abgesehen, schließlich trachten beide nicht nur nach der Herrschaft über das stolze England, sondern haben es auch noch auf dieselbe Edeldame abgesehen: Fabian Brändles charismatischer Robin Hood wirft dabei seinen ganzen Charme, Kampfgeist und seine Sangeskunst in den Ring. Wenn er in Stolz und Leidenschaft entflammt ist, fliegt schon auch mal eine Wurst durch die Gegend. Als draufgängerischer Desperado neigt er zu spontanen Widerstandsaktionen, legt sich mit allen an, und widmet sich ausgiebig der Selbstkritik, wenn er bei Hof das Maul mal wieder zu weit aufgerissen hat.

Gemeinsam mit Räuber-Azubi Jess (Teresa Blaich) und vor allem mit Lady Marian (Anna Maria Müller) liefert er eine famose Gesangsshow ab. Lady Marian verkörpert die reine, zarte Unschuld im intriganten Königsstadl, ganz zerrissen zwischen ihrer höfischen Herkunft und dem romantisch-rebellischen Räuberkosmos. Natürlich entscheidet sie sich für die richtige Seite, nicht nur wegen Robin, sondern auch, weil der aufdringliche Möchtegernprachthengst von Nottingham immer grabschiger zugange ist: der Sheriff wird nicht müde, sich mit Peitsche, Lederrock und Hassliedern großspurig teuflisch zu inszenieren. Insgesamt allerdings denkt er zu viel „mit der Hose“, während sich die eiserne Lady Isabelle (Andrea König) wiederum keinerlei Gefühle gönnt. Denn wie das oft so ist in England, haben auch hier die Frauen die Zügel in der Hand, da ist Prinz John, der eigentliche Usurpator (Reinhard Wolf), nur eine Witzfigur am Rande, zumal er auch geistig nicht so ganz auf der Höhe ist. Anders als der Bischof (Stephan Fröschle), der sanft tut und dennoch kräftig mitmischt im bösen Kampf um die Krone. Die lustigen Räuber wiederum sind ausgesprochen höflich – „Entschuldigung, wir würden Euch gerne ausrauben“ –  aber auch jederzeit bereit zu einer kleinen Rauferei. Sie pflegen jeweils markante Vorlieben, sei‘s für verwegene Koch-Rezepte, für architektonische Visionen oder schwäbische Gemütlichkeit, wie Little John (Gottfried Jud): „Dr Wald isch mei Drhoim“. Und so kämpfen sie hoffentlich noch heute überall da, wo Willkür und Ungerechtigkeit herrschen.

Weitere Termine

Veranstaltungsring Metzingen: Robin Hood – Open Air Musical auf dem Metzinger Kelternplatz wird noch am 25. (Regenersatztermin), 26. und 27. Juli aufgeführt. Als weiterer Regenersatztermin vorgesehen ist der  28. Juli, jeweils 20 Uhr.