Irgendwie hat Jez Colborne was vom Rattenfänger von Hameln. Während im Foyer des franz.K noch die "Tagesschau" - ein lustiger Zusammenschnitt der Festival-Ereignisse vom Vortag, mit Ausschau auf das kommende Programm und die aktuelle Menükarte - über die Leinwand flimmert, sitzt am Eingang zum Hauptsaal ein Mann mit zerschlissenen Jeans, schwarzer Lederjacke und Cowboyhut - und spielt Flöte.

Erst nach der obligatorischen Begrüßung erhebt er sich von seinem Stuhl und geht langsam Flöte spielend in den Saal. Im Schlepptau das Publikum, das bereits von aggressiven Kobolden, einem betörenden Frauenchor und einem Blechdosen einsammelnden Obdachlosen empfangen wird.

"Irresistible: Call of the Sirens" erzählt die Geschichte eines Mannes, der sich auf eine lange Reise begibt, dabei verschiedenen Gefahren trotzt und mit Hilfe der Sirenen wieder nach Hause findet. Nichts kann ihn aufhalten, weder die Wege versperrenden Kobolde, noch der betörende und lockende Chorgesang der drei Frauen Lizzie Wharton, Lisa Mallaghan und Joyce Lee.

Wie im Stück begleiteten Sirenen den Sänger und Performer schon sein ganzes Leben lang. Zwischen Gesang, Slapstick-Einlagen und Videoeinspielungen berichtet er, wie ihn als kleiner Junge regelmäßig die Feuerwehrsirenen erschreckten, die direkt neben seinem Elternhaus aufheulten. Später hat sich die einstige Angst ins Gegenteil verkehrt, alle Arten von Sirenen wurden für den am so genannten Williams-Beuren-Syndrom leidenden Colborne zur Berufung und zum unwiderstehlichen Lockruf. Fortan baute er den Klang der Sirenen in seine Musikkompositionen ein, die mal vom Blues, vom Rap oder auch amerikanischen Country beeinflusst sind.

Überhaupt spielt Musik die entscheidende Rolle in Colbornes ungewöhnlicher Performance. Kaum, dass ein Rhythmus aus den Boxen ertönt, kommt seine ausdrucksvolle Stimme zum Tragen. Bei einem Song hört sie sich wie die von Johnny Guitar Watson an, dann wieder erinnert sie an den Countrysänger Michael Johnson. Begleitet von dem schrägen Chorgesang der drei Frauen, Colbornes Keyboardspiel und natürlich von den handbetriebenen Sirenen aus allen Ecken des Saals steigert sich der Rhythmus mal herb archaisch und düster, mal groovig dahinstürmend zu einem musikalischen Kosmos, dem sich auch das stehende Publikum nicht entziehen kann. Am Ende der 45-Minuten-Performance haben Colborne und seine siebenköpfige Schauspieler-Crew einen Großteil der Besucher auf die Tanzfläche gelockt und feiern mit ihnen gemeinsam ein ausgelassenes Sirenen-Finale. In ihrer Heimatstadt Bradford und seit 2012 in ganz Großbritannien gelten der Sirenen-Flüsterer Colborne und seine Truppe "Mind the Gap" längst als Geheimtipp. Beim Kulturprogramm der Olympischen Spiele in London, für das das Werk geschrieben wurde, sangen sich die geistig Behinderten problemlos in die Herzen der Sportfans. So auch bei ihrem Auftritt im gut besuchten franz.K, bei dem der nicht enden wollende Beifall Bände sprach.