Reutlingen Der Putz hält die Häuser zusammen

Ohne gewaltige Stützen wäre das Gebäudeensemble in der Oberamteistraße einsturzgefährdet - Handlungsbedarf ist also dringend angesagt, hieß es am Mittwoch bei einer Informationsveranstaltung im Rathaus.
Ohne gewaltige Stützen wäre das Gebäudeensemble in der Oberamteistraße einsturzgefährdet - Handlungsbedarf ist also dringend angesagt, hieß es am Mittwoch bei einer Informationsveranstaltung im Rathaus. © Foto: Norbert Leister
Reutlingen / NORBERT LEISTER 22.07.2016
Wenig neue Erkenntnisse bei der Info-Veranstaltung zur Oberamteistr. 28-32, außer: Eine Erweiterung des Heimatmuseums ist darin nicht möglich.

Eigentlich war ja schon fast alles bekannt, was der Bauhistoriker Tilmann Marstaller und Restaurator Rüdiger Widmann am Mittwochabend im großen Sitzungssaal des Rathauses vor einer Vielzahl an Interessierten ausführten: „Es handelt sich um ein fantastisches Gebäudeensemble aus dem 14. Jahrhundert“, so Marstaller. Widmann nannte es „ein Schmuckstück“, das mit zahlreichen faszinierenden Details auch über die Jahrhunderte hinweg den Reichtum der Besitzer bezeuge.

Aber – und auch das ist schon lange bekannt: „Das Ensemble hat scho a bissle a paar Schäden“, wie Hans-Jürgen Klose von der Baudenkmalpflege es am Mittwochabend ausdrückte. Er sprach weiterhin von „statischem Versagen der Decken“, dass „Balken bereits gerissen“ seien, „Erregerpilze und Holzwurm“ ihr Unwesen treiben und „die Tragfähigkeit nicht mehr zu erwarten ist“. Alle drei Gebäude neigen sich laut Klose um bis zu 25 Zentimeter, „der Putz hält quasi die Häuser zusammen“. Das bestätigte auch der Tragwerksplaner Paul Gonser: Die Gebäudezeile neige sich um acht Grad nach Süden, „der Schiefe Turm von Pisa tut dies nur um vier Grad“.

Um eine weitere Neigung zu verhindern gelte es, das in den 1970er Jahren abgerissene Haus mit der Nummer 34 durch ein neues, modernes Gebäude zu ersetzen. Die weitere Sanierung der bestehenden Gebäude sei extrem dringlich, „es besteht akuter Handlungsbedarf“, betonte Simone Wolfrum vom Landesamt für Denkmalpflege. Auch ihr Kollege Dr. Johannes Wilhelm wies auf diesen Umstand hin: „Jeder weitere Klimawechsel im Winter schädigt die Gebäude weiter.“

Eine Nutzung als Erweiterungs-Ausstellungsflächen für das benachbarte Heimatmuseum sei auf jeden Fall nicht möglich, betonte Wolfrum. Auch eine kombinierte Mischung aus Büros und Wohnen entfalle als Nutzungsmöglichkeit, sagte Reutlingens Oberbürgermeisterin Barbara Bosch. „Im Kern bleibt eine museale Nutzung, nämlich dass die Gebäude sich selbst darstellen“, so das Fazit der OB. Dazu müsste aber erst saniert werden – und das möglichst schnell, wie die Fachleute betont hatten.

Laut Wilhelm brauche es allerdings dafür zunächst einen Träger, der dieses Projekt in die Hand nehme. Der von der Denkmalpflege vorgestellte Rahmen sei „nicht in Stein gemeißelt“, einzelne Räume könnten wohl auch als Büro genutzt werden, so wie andere für Führungen in begrenztem Umfang möglich seien, so Wolfrum. Allerdings müsse dabei berücksichtigt werden, dass in den Gebäuden nicht mehr als 200 Kilogramm auf den Quadratmeter einwirken dürften. Deshalb seien auch normale Ausstellungsflächen dort nicht möglich.

Aber: Tilmann Marstaller warf am Mittwoch eine ganz andere Idee in den Sitzungssaal – da der Anbau hinter dem Haus Nr. 30 ohnehin abgerissen werden müsse, könnte doch dort ein Neubau entstehen – der vielleicht sogar als Erweiterung des Heimatmuseums tauglich sei. „Eine direkte Anbindung an das Museum wäre dort möglich“, so der Bauhistoriker.

Wie auch immer: OB Bosch resümierte, dass die Stadt bis zum Herbst Konzepte vorstellen werde. Auch wenn sich die Fachleute von der Denkmalpflege „hüten werden, hier eine Zahl an möglichen Sanierungskosten anzuführen“, so Wolfrum – Barbara Bosch verwies ihrerseits auf ein vor wenigen Jahren bereits erstelltes Konzept: Darin werden Gesamtkosten im Rahmen zwischen sieben und elf Millionen Euro  angeführt. Ob das heute noch seine Gültigkeit hat, können auch die Fachleute nicht sagen.