Die Stadtbibliothek fördert nicht nur das Lesen, sondern auch das Schreiben, unter anderem in der Schreibwerkstatt mit der Reutlinger Schriftstellerin Sibylle Mulot. Mit "Elf neue Kindheiten" kam nun der zweite Band heraus, von Jahrgang 1932 bis 1985 ist alles dabei.

Da individuelle Geschichte immer auch Zeitgeschichte spiegelt, lasen die Autoren ihre in Kurzgeschichten und Anekdoten gefassten Kindheitserinnerungen in chronologischer Reihenfolge vor: von der Bombennacht bis zur Kindheit im Wohlstandsdeutschland, von realer Todesangst bis zu den ganz normalen Alltagstragödien in gepolsterter Umgebung. Nicht zu vergessen die vielen Glücksmomente!

Im stilistisch breit gefächerten "Groß werden"-Poesiealbum wird die literarische Auseinandersetzung mit sich selbst aus den unterschiedlichsten Erzählperspektiven heraus betrieben. Mal möglichst authentisch, mal aus der (ironischen) Distanz heraus. Aber immer zeigen sich die Kinder sehr pfiffig, wie sie ihre großen und kleinen Probleme bewältigen. Und immer geht es um die ganz großen Gefühle - Angst, Unsicherheit, Einsamkeit, Liebe und Glück - , die sich da zu einer Geschichte formieren.

Brigitte M. Hagmeier (Jahrgang 1932) ist noch Zeitzeugin einer Reutlinger Bombennacht im Januar 1945 bei ihrem Großvater. Der Konditor will gerade für seinen Sohn im Krieg eine Mutschel backen, als der Fliegeralarm alle in den Keller treibt. Die Familie hat Glück und überlebt, auch wenn es einen mordsmäßigen Schlag tut, als oben ein Eisenträger vom Nachbarhaus ins Haus geschossen kommt, "haarscharf dort, wo in Opas Café einst der Stammtisch gestanden hatte".

Armgard Dohmel (Jahrgang 1939) erinnert sich, wie sie in Nordböhmen ebenfalls bei Kriegsende das Haus "beschützen" muss, während draußen russische und tschechische Trupps herumstreifen. Tatsächlich klopft es auch an ihre Tür, die Angst ist groß, und sie rattert in ihrer Panik sämtliche Kindergebete runter, die es kennt. Und tatsächlich: Das Klopfen hört auf! Der Trupp zieht weiter!

Das Kriegsende erlebt auch Roswitha Doennges (Jahrgang 1940): Ihre Mutter schickt eine Horde zwölf- bis 14jähriger Jungs, die in ihrem Garten gerade Schützengräben ausheben, streng nach Hause: Sie seien alle krank und müssten sich sofort ins Bett legen, was sie dann auch tun. Und siehe da, als die amerikanischen Panzer durch die Straßen rollen, gibt keinen Widerstand und damit auch keine Toten.

Heike Jung wiederum ist in den Fünfzigern groß geworden und erinnert sich daran, wie sie damals die armen Flüchtlingskinder gemobbt haben. "Kinder sind grausam". Heidemarie Köhler versucht, ihre kindliche Denk- und Gefühlswelt möglichst authentisch wiederzugeben und schreibt einen inneren Monolog voll typischen Selbstmitleids und Generalwut auf die ganze Welt.

Barbara Kreissl wiederum beschreibt detailreich den Geruch ihres Kindermädchens, an dessen Haar sie immer schnuppert. Und das wohl ebenfalls eine dramatische Flucht hinter sich hatte. In der Generation von Martin Sowa (Jahrgang 1954) nimmt die Dramatik der ganz realen Lebensgefährlichkeiten dann eher ab, während die kleinen Kindheitstragödien aber immer noch als sehr traumatisch empfunden werden. Sonst hätten sie sich ja auch nicht so tief ins Gedächtnis eingenistet.

Sowa beschreibt, wie er im Musikunterricht Schmach und Schande über sich ergehen lassen muss: "Du singst wie ein Waldbauer", tönt der Lehrer vor versammelter Mannschaft. "Nie wieder! Nie wieder werde ich für dieses Fach was tun"", schwört sich der kleine Junge.

Auch bei Sibylle Mulot wird's tragisch-anekdotisch, sie erinnert sich an eine Reise ans Meer, bei der sie ihren Plüschelefanten an die frische Luft halten muss, weil es ihm "beim Autofahren immer schlecht wird". Kein Wunder, dass er irgendwann davonfliegt.

Lina Weber erzählt, wie sie in ihrer russischen Heimat einmal einem "echten Faschisten" begegnet ist, und Gabriele Gutsfeld, wie ihr Vertrauen zur Erwachsenenwelt einen schweren Knacks erhielt, als ihre Tante aus purer Nachlässigkeit ihr großes Kunstwerk zerstört.

Ein bisschen spooky wiederum geht es bei Loan Truong zu, die sich als Kind in ei ner Schlange einreihen muss, um sich Schläge auf den Popo abzuholen. Aber sie hat vorgesorgt: "Es lebe Pampers!"

Das Buch und die Kursleiterin

Das Buch "Groß werden - Elf neue Kindheiten", herausgegeben von Sibylle Mulot, ist in der Stadtbibliothek Reutlingen erhältlich.

Sibylle Mulot Schriftstellerin (*1950 Reutlingen). Studium in Tübingen, Zürich und Toulouse. Dr. phil., Literaturwissenschaftlerin. Lebte in Rom und Wien, danach 20 Jahre mit Familie in Ostfrankreich, jetzt wieder in Reutlingen. Bücher bei Diogenes und Piper.

SWP