Christian Schneider ist an diesem Freitagmorgen in Reicheneck zu Gast. Eineinhalb Stunden hat der von der CDU unterstützte Kandidat an den Haustüren im kleinsten Reutlinger Stadtteil geklingelt, die Veranstaltung im Dorfladen nutzt er auch, um sich etwas aufzuwärmen.

Auf einem kleinen Tisch stehen eine Kaffeekanne und Butterbrezeln. Ein gutes Dutzend Personen, unter ihnen auch Bezirksbürgermeister Willi Igel, hat vorbeigeschaut, um mit Schneider zu sprechen. Einige unter ihnen sind gekommen, um zu erfahren, wofür Schneider steht, oder ihm mitzuteilen, wo sie der Schuh drückt. Andere wiederum wollen nur einkaufen oder einen Kaffee trinken.

Dass Schneider gerade hier Wahlkampf macht, ist kein Zufall: Der Dorfladen ist, bekennt der 54-jährige Jurist im Gespräch, einer seiner Lieblingsorte in den Bezirksgemeinden, seitdem er im November erstmals Reicheneck besucht hat. Vor drei Jahren wurde das Lädle geöffnet, es wird von einer Genossenschaft aus 50 Mitgliedern betrieben und von der Stadt bezuschusst. „Das ist für mich gelebtes Ehrenamt. Hier wird Gutes und Richtiges gemacht“, lobt Schneider. Die Aussage, dass Reutlingen von der Vielfalt, von seinen Bezirksgemeinden lebt, kommt, wie zu erwarten ist, bei den Leuten im Lädle gut an.

Auch hier wiederholt Schneider sein Credo, dass Wachstum kein Selbstzweck sein dürfe, sondern gebraucht werde, um die wachsenden Anforderungen und Bedürfnisse der Großstadt stemmen zu können. Er will die Kooperation mit den Nachbarkommunen stärken, um so die Entwicklung voranzutreiben. „Wir brauchen ein regionales Wir-Gefühl“, betont er.

In Reicheneck spielt in den Gesprächen das Thema „Verkehr“ eine wichtige Rolle. Hier richtet sich der Blick nicht nur auf die Reutlinger Innenstadt. Viel mehr scheint die Reichenecker der permanente Stau auf der B 27 zu stören. So verwundert es auch nicht, dass über Ausweichstrecken und die Frage, wie man am schnellsten nach Stuttgart kommt, gefachsimpelt wird. Eine neu nach Reicheneck gezogene Familie erkundigt sich, wie es mit den Kinderbetreuungsplätzen vor Ort aussieht.

Es ist nicht Schneiders erster Termin an diesem Morgen. Um 7 Uhr hat er begonnen, Flyer auf dem Hauptbahnhof zu verteilen und mit Pendlern ins Gespräch zu kommen. „Ich fand es angenehm“, berichtet er. Oft brauche es nicht mehr als zwei oder drei Sätze, um die Leute für ein Thema zu interessieren.

Wie seine Mitbewerber setzt er auf das persönliche Gespräch. Er nehme viele positive Begegnungen aus dem Haustürwahlkampf mit. Ganz wichtig dabei ist aus seiner Sicht, authentisch zu bleiben und spontan reagieren zu können. Was ihm auch zunehmend gelingt. Auch wenn sich der persönliche Kontakt nicht durch nur Plakate ersetzen lässt, wird Schneiders Konterfei in den nächsten Tagen verstärkt in der Innenstadt als auch den Stadtbezirken zu sehen sein. Nachmittags geht es zunächst ins Büro, um E-Mails zu lesen, Texte und Reden zu schreiben und sich auf die Podiumsdiskussion bei der Freiwilligenagentur vorzubereiten. Die Tage eines Wahlkämpfers sind lang, meist ist es Mitternacht, wenn Schneider in Waldenbuch ankommt.

Wahlkampf im Winter ist kein Vergnügen. An diesem Morgen trifft es Cindy Holmberg besonders hart. Die Grünen-Kandidatin trotzt zwar Dauerregen und einem eiskalten Wind, aber wer hat schon Lust auf kommunalpolitische Diskussionen bei diesem Winter. „Wahlkampf im Winter ist wirklich hart“, sagt Holmberg. Nicht nur wegen der Witterung, sondern auch wegen der Bekleidung. Draußen braucht man warme Stiefel, Mütze und Handschuhe, beim nächsten Termin kurze Zeit später auf einem Wahlpodium sollte das Outfit etwas schicker sein. Aber wer Stadtoberhaupt werden will, muss eben einiges einstecken können.

Podien, Wahlprospekte und Werbezettel sind eine Sache. Die 43-Jährige aus Reutlingen setzt aber lieber auf den persönlichen Kontakt. Mitten auf der Wilhelmstraße spricht Holmberg Leute an, versucht mit ihnen ins Gespräch zu kommen. „Ach ja“, sagt eine Frau, „ich habe Sie auf einem Wahlplakat gesehen.“ Der Wiedererkennungswert ist natürlich wichtig. Schließlich sollen die Wähler in der Wahlkabine ein Gesicht vor Augen haben.

Für die Oberbürgermeister­-Wahl interessieren sich die Leute. „Wir brauchen junge, spritzige Ideen, eine neue Vision“, stellt sich Holmberg bei einem Ehepaar vor. „Wir haben schon gesagt: Wir wählen diesmal grün“, entgegnen die beiden wie aus einem Munde. Ein anderes, älteres Ehepaar nimmt zwar den Flyer, legt sich aber nicht fest. „Wir kommen auf jeden Fall in die Stadthalle zur Bewerbervorstellung.“ Die beiden, so scheint es, haben sich noch nicht entschlossen, wo sie ihr Kreuzchen machen. Ein junger Mann will von alldem nichts wissen. „Politik ist Unsinn“, so seine Meinung.

Viele Bekannte trifft Holmberg auf ihrem Gang durch die Innenstadt. Sie machen ihr Mut. Doch lieber wäre es ihr wohl, sie könnte noch Unentschlossene überzeugen. Die Frau mit dem Kinderwagen ist eine gute Gesprächspartnerin. „Für mich ist es entscheidend, dass es mit dem Kindergarten klappt“, sagt sie. Da kann Holmberg, die dreifache Mutter, gleich einhaken. „Wenn ich Frauen mit Kindern sehe, spreche ich sie natürlich gleich auf die Kinderbetreuung in der Stadt an“, sagt Holmberg.

Gut vernetzt

Die Grünen-Politikerin setzt auf ihren Bekanntheitsgrad und ihre Vernetzung in der Stadt. Und die gehe weit über das übliche Parteienklientel hinaus. „Ich habe nicht nur Freunde bei den Grünen, sondern auch bei anderen politischen Gruppierungen.“ Dass sich im Falle ihrer Wahl so einiges ändern wird, daran lässt sie keinen Zweifel. „Da wird ein anderes Leben ins Rathaus einziehen wenn ich OB bin.“ Vor allem will sie die Familienfreundlichkeit auch in der Verwaltung durchsetzen. Ebenso ist es eines ihrer Anliegen, mehr Leben in die Stadt zu bringen, auch in den Abendstunden.

Und dann gibt es da doch noch diejenigen, die ihr Leid klagen. Vom Gericht sei sie doch arg enttäuscht, sagt eine Frau, ihr Mann sei dort schlecht behandelt worden und habe sein Recht nicht bekommen. „Deutschland ist nicht mehr das, was es früher war“, sagt die Frau mit italienischem Pass. Holmberg hört geduldig zu. Und ermutigt die Frau, am 3. Februar zur Wahl zu gehen, schließlich sind auch EU-Europäer wahlberechtigt.

Die meisten Leute sind freundlich an diesem Morgen. Ganz besonders aber ein Pastor aus einer Reutlinger Gemeinde. „Danke für Ihr Engagement“, sagt er. „Ich wünsche Ihnen Gottes Segen.“