Kunst Der Mensch, die Erde, das All

 Winand Victor vor seiner Arbeit „Die Rückkehr des Menschen“  im Jahr 2011.
 Winand Victor vor seiner Arbeit „Die Rückkehr des Menschen“  im Jahr 2011. © Foto: Archiv
Von Otto Paul Burkhardt 12.01.2018

Er war kein Freund großer Worte. Umso beredter sind seine Bilder. Ein ganzes Universum tut sich da auf: Ausblicke in andere Galaxien, Lichtflüge ins All, Sonnengesänge. Oder der Blick richtet sich auf den Menschen, auf seine Einsamkeit in der Masse. Andere Arbeiten künden von Krieg, von Katastrophen und von der geschundenen Erde. Es sind Bilder des Nachdenkens – über den Menschen, die Erde und das All. Morgen, am 13. Januar 2018, wäre der 2014 verstorbene Reutlinger Maler Winand Victor 100 Jahre alt geworden.

Fülle möglicher Lesarten

Freundlich, bescheiden, zugewandt: So empfanden ihn viele, die ihn kannten. Wer ihn mit Fragen zu seinen Bildern bestürmte, bekam als Antwort ein vielsagendes Lächeln – und wenige, sorgsam zurückhaltende Hinweise. Stets hoch interessiert hörte er zu, wenn andere sich an der Deutung seiner Werke versuchten. Und manchmal verriet ein kleines, zufriedenes Blitzen in seinen Augen die Freude, mit der er die Fülle möglicher Lesarten seiner Bilder zur Kenntnis nahm.

 Viel ist über Victors Oeuvre geschrieben worden. Es spannt mit mehr als 60 Jahren einen gewaltigen Bogen. Seine frühen Arbeiten der Nachkriegs-Ära sind teils noch einem zeitkritischen Realismus verpflichtet, verkörpert etwa im Bild eines kriegsversehrten Heimkehrers in „Ankunft vor der Stadt“ (1956). Doch bald findet Victor einen eigenen, eigenwilligen künstlerischen Weg abseits dominierender Stile. Einen Weg, der ihn in den Nuller Jahren schließlich zu kosmischen Bildvisionen führte, wie sie den Zyklus „Lichtflug“ (2005) kennzeichnen. Warum diese späte Auseinandersetzung mit dem Weltall? Victor antwortete damals mit souveränem Understatement: „In meinem Alter spielt das eben eine Rolle.“

 Was sich durchzieht, ist eine stille, selbstbewusste Distanz zum lauten Mainstream der Moden. Ein weiteres Signum ist die Offenheit seiner Bilder – sie ermöglichen eine Vielfalt von Deutungen, stellen Fragen, statt Antworten zu geben, sind Angebote, Setzungen, Denkanstöße. Das war Victor: ein großer Schweiger und Einzelgänger. Was er dachte, als Mensch und Künstler in der Zeit, findet sich alles in seinen Bildern. „Nicht mein Leben ist wichtig“, hat er im Gespräch mit unserer Zeitung einmal gesagt, „sondern das, was um mich herum geschieht.“

 Bis zuletzt hat er gemalt. Als das Stehen vor der Staffelei beschwerlich wurde, schuf er Scherenschnitte, Gouachen und Aquarelle, kreierte eine fantasiereiche, freie Welt der Fabelwesen, bizarr, luftig, leicht. Noch sein letztes Bild, entstanden zwei Monate vor seinem Tod am 27. April 2014, ist mehrdeutig lesbar, als lodernde Flamme, als Alraunenwurzel, als Zauberwesen, als Geistesblitz, umgeben von kristallinem, lichtem, lebhaftem Farbenspiel.

 Seit 1949 in Reutlingen

Victor, 1918 als Sohn eines Aachener Maschinenbauingenieurs im niederländischen Schaesberg geboren, lebte seit 1949 in Reutlingen. Ein Durchgang durch sein Werk, das auch Grafik, Wandteppiche und Glasfenster umfasst, zeigt, dass Victor die Strömungen zeitgenössischer Kunst allenfalls tangierte. Realismus, Kubismus, Neue Sachlichkeit, Informel, Abstraktion, Neue Figuration und mehr: Er ließ sich nie vereinnahmen. Sein künstlerischer Weg weist immer wieder staunenswerte Metamorphosen, Wandlungen und Wendepunkte auf.

 Erst relativ spät wurden ihm längst fällige Ehrungen zuteil: 2006 bekommt er den Maria-Ensle-Preis, der an Künstler verliehen wird, „deren Arbeit nicht immer die überregionale Anerkennung bekommen hat, die ihrer Qualität entspricht“. 2008 erhält er die Bürgermedaille Reutlingen, 2009 erwirbt die Stadt sein „Triptychon“, und 2013, im Alter von 95 Jahren, wird er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Seine Arbeiten hängen in renommierten Sammlungen, so in der Albertina Wien, im Kupferstichkabinett Berlin oder in der Staatsgalerie Stuttgart.

 Wer sich mit dem Gesamtwerk beschäftigt, wird seine speziellen „Lieblings-Victors“ finden. Auf magische Weise ansprechend wirken etwa die „Stadtbilder“ der 80er Jahre. Faszinierend auch die Weltall-Ansichten, etwa „Dunkle Weite VII“ (2000): kosmische Ausflüge mit Sonnen und Supernovas, mit gleißenden Lichtspuren in schwarzer Unendlichkeit.

 Eins der eindrücklichsten Bilder Victors ist das große, monumentale „Triptychon“ (1996), das im Rathaus zu besichtigen ist. Es bildet die Summe seines künstlerischen Oeuvres und zieht gleichzeitig die Bilanz eines ganzen Jahrhunderts. Die beiden Seitenflügel greifen auf Motive der Stadtbilder zurück, zeigen Menschen in urbanen Schaufenster-Szenerien, darunter auch den Maler selbst als Wanderer – sie stehen für die „Sein- und Scheinwelt“, wie Victor seinerzeit erläuterte, für den Aufbruch der Moderne. Das Mittelstück – grobes, aufgeschürftes, verletztes, zerschlissenes Leinen – symbolisiert die Katastrophen des Jahrhunderts, die Verwundbarkeit der Erde. Die Hälften dieses Herzstücks sind zudem getrennt, ein schmaler schwarzer Spalt tut sich auf und gemahnt an den Riss, der durch die Schöpfung geht.

 Das Nachdenken über die Menschheit, aus ständig wechselnder Perspektive – dies zieht sich wie ein roter Faden durch Victors Werk. Seine Bilder – in ihrer starken, fragenden Aufrichtigkeit, in ihrer leuchtenden, visionären Weitsicht – werden uns weiter beschäftigen. Immer wieder.

Ausstellungen zum 100. Geburtstag

Die Galerie Reinhold Maas in der Gartenstraße 49, Reutlingen, zeigt eine Bildauswahl „Winand Victor zum Hundertsten“. Zur Eröffnung am Samstag, 13. Januar, 15 Uhr, sprechen die Reutlinger Oberbürgermeisterin Barbara Bosch, der Sammler Bert Wagner und die Direktorin des Kunstmuseums Albstadt, Dr. Veronika Mertens. Öffnungszeiten bis 25. Februar: Dienstag bis Freitag 11 bis 18, Samstag 11 bis 14 Uhr.
Im Kunstmuseum Spendhaus Reutlingen ist von 28. Juli bis 7. Oktober die Ausstellung „Winand Victor zum 100. Geburtstag“ zu sehen.