Reutlingen Der Mensch - das Spiel der Zeit

Reutlingen / OTTO PAUL BURKHARDT 10.10.2015
Musik unserer Zeit erklingt heute in der Christuskirche. Der Reutlinger Knabenchor capella vocalis unter Christian Bonath führt eine Gryphius-Kantate des 69-jährigen Mainzer Komponisten Jürgen Blume auf.

Diese Aufführung ist Teil der ehrgeizigen Reihe "Music Of Our Time", die der Chorleiter Christian Bonath ins Leben gerufen hat. Nach dem ersten Konzert in der Pfingstzeit 2014 mit dem Auftragsopus "Linguae" wird der Knabenchor capella vocalis heute ein weiteres Werk aus der Taufe heben: die Gryphius-Kantate "Der Mensch - das Spiel der Zeit" von dem Mainzer Kirchenmusiker, Komponisten und Hochschulprofessor Jürgen Blume.

Andreas Gryphius gilt als einer der bedeutendsten Barockdichter. Seine Texte aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges seien in ihrer bildhaften, kraftvollen und emotionalen Sprache bis heute zeitlos gültig und "inspirierend", erläutert Blume. Das wohl bekannteste Gryphius-Gedicht dürfte das Sonett "Menschliches Elende" sein: "Was sind wir Menschen doch / Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen." Doch nicht dieser Text ist Grundlage der Kantate, sondern eine Reihe anderer Sonette des 1664 verstorbenen Dichters. Die aber kreisen ebenso um das für Gryphius charakteristische, barocke Vanitas-Motiv und handeln so von der Vergänglichkeit alles Irdischen. Den roten Faden der Kantate bildet der einzige Gryphius-Text im Evangelischen Gesangbuch: "Die Herrlichkeit der Erden". Insgesamt, so Blume, umfasse sein 35-minütiges Werk acht Teile, darunter Chöre, Rezitative, Arien und Choralarien. "Herzstück" sei die Mezzosopran-Arie "Der Mensch - das Spiel der Zeit", nach der die Kantate auch benannt ist. Daneben enthält das Blume-Opus auch Texte aus der Bibel (Psalm 139) und vom Kirchenlieddichter Ludwig Andreas Gotter.

Vom Klang her zählt sich der 1946 in Gera geborene Komponist Jürgen Blume, der lange Kirchenmusiker in Offenbach war, zur "gemäßigten Moderne". Seine Tonsprache sei in einer "erweiterten Tonalität" gehalten, beeinflusst von Lehrern wie Kurt Hessenberg und geprägt von Vorbildern wie Hindemith und Britten. Die Besetzung umfasst Solisten (Jan Jerlitschka), Sprecher, gemischten Chor, Orgel, Pauken und Schlagzeug.

Das stilistische Spektrum der Kantate, ergänzt Christian Bonath, enthält Momente, "wo alles ausbricht", aber auch regelrechte "Bach-Stil-Kopien". Vom Klangbild her, so Bonath, erinnere ihn manches an Hugo Distler. Das Schlagwerk vermittelt bei Blume symbolisch auch die Dimensionen der Zeit - in Gestalt von bedrohlichen Paukenwirbeln, vorüberhuschenden zarten Windspiel-Glissandi (Wind Chimes) oder knöchernen Geräuschen (Woodblock).

"Alles ist eitel" - die Texte von Gryphius sind im Zeichen von Flucht, Vertreibung und Krieg auch heute noch aufrüttelnd aktuell. Und dennoch schließt das Werk mit einer versöhnlichen "Betrachtung der Zeit". Neben der Blume-Kantate kommen bei dem Konzert heute in der Christuskirche auch noch Chorsätze von Bach und Mendelssohn zu Gehör. So ergibt sich ein vielsagender Titel des Abends: "Eine Blume für Bach".

Konzert des Knabenchors capella vocalis: Heute, Samstag, 10. Oktober, 19 Uhr, Christuskirche Reutlingen. Chorwerke von Bach, Mendelssohn und Jürgen Blume.

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