Reutlingen Der Mann mit Hut hat den Swing

Vom Casting-Stern und Grand-Prix-Teilnehmer zum gefragten Soulsänger: Max Mutzke (rechts) entführte die Württembergische Philharmonie Reutlingen (unter Dirigent Enrique Ugarte) in die Welt des Pop.
Vom Casting-Stern und Grand-Prix-Teilnehmer zum gefragten Soulsänger: Max Mutzke (rechts) entführte die Württembergische Philharmonie Reutlingen (unter Dirigent Enrique Ugarte) in die Welt des Pop. © Foto: Thomas Kiehl
Reutlingen / Von Christina Hölz  16.11.2018

Lässig, lässiger, Max Mutzke. Der Mann mit Hut schlendert auf die Bühne, pfeift kurz auf den Fingern und soulrockt dann gleich die ausverkaufte Reutlinger Stadthalle. Mit gefühlten 100 000 Volt kommt sein Song „IOU“ rüber – dahinter agiert die Württembergische Philharmonie mit euphorischen Pauken und furiosen Streichersätzen. So geht das nur wenige Minuten, dann hält die gut 1700 Leute nichts mehr auf ihren Plätzen. XXL-Beifall und euphorischer Jubel gleich eingangs für die musikalische Fusion im Kaleidoskopkonzert: Mutzkes gefällige Soulstimme trifft das hiesige Sinfonieorchester.

Experience, Erfahrung also, hat der Pop-Sänger und ehemalige Talentshow-Teilnehmer seinen Trip in die Klassik-Szene genannt. Kürzlich spielte Max Mutzke ein gleichnamiges Album mit der NDR-Radiophilharmonie ein: Seine „Lieblingssongs“ und diverse Jazzhits, arrangiert von dem renommierten baskischen Dirigenten Enrique Ugarte. Der Spanier gastierte am Donnerstag als Pultchef in Reutlingen und lenkte die bestens aufgelegte Philharmonie mit Grandezza und expressiver Leichtigkeit.

Unverkennbar Ugartes Anteil an diesem zündenden Format, auch wenn das Programm ganz auf einen Mann zugeschnitten ist: Max Mutzke tigert in nachtblauen Chinohosen und eleganten Lederslippern über die Bühne, lässt flink das Mikro durch die Hände gleiten, gibt den Entertainer, der nebenbei locker über den Geiz der Schwaben und seine Kindheit im Schwarzwald parliert.

Ganz klar ein Profi. Abgeklärt, charismatisch, stimmgewaltig. „Das ist unsere Nacht, sie ist für uns gemacht“, swingt der 37-Jährige in seinem „Appell für ein bunteres Deutschland“ gegen Fremdenhass. Die Philharmonie unterlegt das mit lässigem Motown-Sound, unterstützt von Keyboards, Bass und Drums aus Mutzkes eigener (glänzender) Rhythmusgruppe Monopunk.

Keine Frage, diese soulige Pop-Musik liegt dem Sänger aus Waldshut-Tiengen. Gelegentlich darf Mutzke sogar ein bisschen rocken und rappen – die Vielseitigkeit erklärt wohl auch, weshalb sich der Schwarzwälder längst etabliert hat in der deutschen Musik-Landschaft.

Wir erinnern uns: Vor 15 Jahren entdeckte Moderator Stefan Raab den damaligen Youngster in seiner Pro-Sieben-Show „TV Total“. Viele kennen Raabs Nummer „Can‘t wait until tonight“, mit der Mutzke Deutschland 2004 beim Eurovision Song Contest in Istanbul vertrat. Ein Hit – aber die meisten Casting-Sternchen versinken nach wenigen Jahren wieder in der Bedeutungslosigkeit

Max Mutzke ist geblieben. Und das, was er macht, macht er gut, auch wenn ein Ausflug in die Klassik für einen Popsänger nichts Neues ist. Swing-Alben gönnen sich vor allem gereifte Superstars (etwa Robbie Williams) gerne, und auch deutsche Bands wie die „Prinzen“ touren mit Sinfonikern im Rücken.

Der Erfolg solcher Projekte ist bekannt. Und gerade live wirkt die Wucht der süffig-orchestralen Klänge wie eine Ladung Aufputschmittel. Grandios, wie die Philharmonie die Bläserfraktion mal verspielt spazieren schickt, wie die Streicher mal richtig rocken und dann wieder schwelgerisch Mutzkes Balladen umgarnen.

Akustisch kommt der Sänger gegen das Orchester übrigens bestens an. Hier und da übertönt er sogar die Instrumentalisten, für zwei Nummern pausiert das Orchester sowieso. Zu „Schwarz auf Weiß“ bedient der vierfache Vater geschlechtsspezifische Stereotypen. Er lässt Männer und Frauen abwechselnd in die Runde kreischen und brüllen.

Puristen verzeihen ihm diese Alleingänge gerne. Zu schön und wunderbar jazzig-ausgehorcht kommen dann wieder Klassiker wie „Me and Mrs Jones“ mit den Reutlinger Musikern daher. Selbst so überzuckerte Nummern wie „Welt hinter Glas“ – über die Sehnsucht junger Schwarzwälder nach dem Meer – machen in der Experience-Variante Laune.

Überhaupt versteht sich der Mann bestens auf Pathos: „You are all around me“, haucht er ins Mikrofon, wohl eine Hommage an die verstorbene Mutter. Vermisst wird eben immer gerne. Seinen Grand-Prix-Hit schiebt Max Mutzke dann ans Ende: Bei „Can’t wait until tonight“ flippt das Publikum endgültig aus.

Es erklatscht sich zwei Zugaben, das lautstarke „Charlotte“ und ein Duett mit Dirigent Enrique Ugartre. Der Vollblut-Musiker spielt zu Joe Cockers „You are so beautiful“ auf dem Akkordeon. Furios.

14

Jahre ist es her, dass Sänger Max Mutzke Deutschland beim Grand-Prix vertrat. Entdeckt wurde der Schwarzwälder zuvor von Moderator Stefan Raab in seiner Show „TV-Total“.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel