von Peter U. Bussmann  Uhr

Den Aufkleber aus den 2005er Jahren mit dem Slogan „Die Dietwegtrasse muss kommen“ der CDU hat mancher Älterer (wie etwa der Autor) noch in der Schublade. Und „wir hätten heute längst die Planung“, trauern die christdemokratischen Gemeinderäte von heute am Samstagmittag beim Vor-Ort-Termin der Tatsache nach, dass im Mai 2006 das Gremium mit 20 zu 21 Stimmen den Beschluss zur Aufstellung eines Bebauungsplans abgelehnt habt – „die eine Gegenstimme war die der OB“, merkt der früheren christdemokratische Fraktionsvorsitzende Andreas von Scheidt süffisant im Vorfeld der nächsten OB-(Wieder-)Wahl an.

„Wir haben damit eine Riesenchance vergeben, mit der Vollendung des Scheibengipfeltunnels den Verkehr vom Nordportal fortzuführen“, sagte Fraktionsvorsitzender Rainer Löffler. Und die ganze aktuelle Belastung wäre damit der Innenstadt erspart geblieben, schiebt er nach.

Stand heute seien aber nun schon wieder zwei Jahre vergangen, in denen die Stadtverwaltung nichts getan hätte, um hier beim gesamtheitlichen Verkehrskonzept endlich zu agieren. So lange schon sei die „B 464/Ortsumfahrung Reutlingen“, wie die Trasse auf Landesebene genannt werde, oder die „Südumfahrung Orschel-Hagen“, wie sie die CDU heute nenne („Der Ausdruck ‚Dietwegtrasse‘ ist sicherlich falsch!“), bereits vom Land als konsequente Fortsetzung des Scheibengipfeltunnels auf der Achse Allgäu-Stuttgart vorgeschlagen worden. Mittlerweile wurde dieser Ansatz vom Bund im Bundesverkehrswegeplan in den vordringlichen Bedarf aufgenommen.

Die vom Regierungspräsidium vorgelegte Planung sieht vor, die Südumfahrung von Orschel-Hagen vom Knoten der B 464, wo der Zubringer aus Stuttgart ankommt, weiter ostwärts in einem Tunnel, der in Wahrheit eine so genannte Deckeltrasse ist, südlich von Orschel-Hagen weiterzuführen, westlich am Sondelfinger Gewerbegebiet „Auf Wies“ in einem Einschnitt mit Lärmschutzwand vorbei. Dort folgt dann als „einzig neuralgischer Punkt“ nach Ansicht der CDU die Überquerung der Bahnstrecke nach Metzingen. „Das wird sicher keine Hochständerüberfahrung wie einst geplant“, wiegelt Baufachmann Rainer Löffler ab. In einem weiteren Einschnitt bindet die Trasse dann an die Tunnelausfahrt Nord im Efeu an.

Für diese insgesamt 2,5 Kilometer lange Neubaustrecke rechnet das Regierungspräsidium „im Planfall 2030“ mit maximal 22 000 Fahrzeugen am Tag. Aktuell ist der Scheibengipfeltunnel mit 24 000 Fahrzeugen täglich veranschlagt. Im Jahr 2014 wurden die Gesamtkosten von den Planern auf 46,9 Millionen Euro veranschlagt. Und das bei einem Nutzen-Kosten-Verhältnis  „von größer als zehn“, spielen die Christdemokraten einen weiteren Trumpf der Planung aus.

Bundesweit werden schon auch mal Straßen genehmigt und gebaut, „deren Kosten-Nutzen-Relation bei 1,1 oder so liegt“, schiebt Michael Donth, der heimische CDU-Abgeordnete und Mitglied des Verkehrsausschusses des Bundestags, nach.

Der gesamtwirtschaftliche  Ertrag dieser  Umfahrung errechne sich aus dem Ausstoß von weniger Schadstoffen und weniger gefahrenen Kilometern sowie der steigenden Innenstadtqualität, sagt Löffler. Geplant sei aktuell eine Bauzeit von vier Jahren.

Deshalb, so die Forderung der CDU, „müssen wir jetzt schnell zur Planreife kommen“. Schließlich sollen die vordringlichen Projekte dieses Bundesverkehrswegeplans zwischen 2016 und 2030 geplant und gebaut werden.

„Von uns aus kann das Land loslegen mit der Planung“, sagte am Samstag  Steffen Bilger, Ludwigsburger CDU-Abgeordneter, vier Jahre lang „Nebensitzer“ von Michael Donth im Verkehrsausschuss und seit Bildung der neuen Großen Koalition neuer Staatssekretär – neben dem schon bisherigen Schienenexperten Enak Ferlemann – im einstigen Dobrinth-Ministerium, dem jetzt Andreas Scheuer vorsteht. Und „das Projekt ist zwingend notwendig“, begründet er die hohe Einstufung seitens des Bundes. Die Trasse habe eine „wichtige Ergänzungsfunktion im Zusammenhang mit der Nutzung des Scheibengipfeltunnels“, sei quasi dessen „Netzergänzung“.

 Zwar habe das Land intern das Projekt erst „für die zweite Tranche vorgesehen“, so Bilger, doch für den Bund habe die Umfahrung dank der hohen Wirtschaftlichkeit eine hohe Priorität. Deshalb sollte man die Planung seitens des Landes früher aufnehmen.

Um Zeit zu gewinnen, setzt die CDU-Ratsfraktion deshalb auf das Bebauungsplanverfahren anstelle der klassischen Planfeststellung durch das Regierungspräsidium. Damit erreiche die Stadt früher die Planungsreife und könne so, wie schon beim Scheibengipfeltunnel, noch „vor einige andere Projekte rutschen“, hofft Löffler.

Schließlich werden der Stadt die Mittel für die vorgegriffene Planung ersetzt. Dabei habe der Gemeinderat auf Antrag der Fraktion schon im laufenden Haushalt 400 000 Euro Planungskosten eingestellt, „die aber leider bislang nicht abgerufen wurden“.

Donth ist wichtig zu betonen, dass bei diesem Plan „die Grünflächen am Rande von Orschel-Hagen erhalten bleiben“. Überhaupt werde allen Ansprüchen an den Lärmschutz mit der 770 Meter langen Deckeltrasse fast bin hin zur Dietweg-Sportanlage und dem tiefen Einschnitt der Straße Genüge getan. „Dies ist der letzte Flaschenhals, ihn zu beseitigen liegt im Interesse von Stadt, Land und Bund“, sagt er, und die Umfahrung sei „die logische Folge des Tunnelbaus“.

Für Rainer Löffler ist wichtig, dass die Stadt mit dem Bebauungsplanverfahren „den Taktstock in der Hand hat“ und das Tempo vorgeben könne. Schließlich seien das „keine Hirngespinste, sondern ein zentrales und vor allem finanziertes Projekt“. Es berge zudem die Chance, das neu zu gestaltende große Industrie-Areal auf dem Betz-Gelände unabhängig von der Innenstadt anzubinden.

„Eigentlich ist das Ganze ein Win-win-Projekt“, bilanziert Donth, „auch wenn es, wie überall auch, Betroffene geben wird – das ist, wie immer, eine Frage der Abwägung, und die Vorteile überwiegen klar!“