Reutlingen / Von Jürgen Spieß  Uhr

Er ist mit bald 101 Jahren immer noch agil und ein kritischer Zeitgenosse: Der frühere Hohenheimer Uniprofessor Theodor Bergmann war am Donnerstag beim Bundesstart zu dem Kinofilm „Der junge Karl Marx“ zu Gast im ausverkauften Kamino. Vor dem Film führte der Publizist und Wissenschaftler für Internationale Agrarpolitik in die Thematik ein, danach schloss sich noch ein Gespräch mit Bergmann an.

Um ins Kino zu gehen hat Theodor Bergmann eigentlich gar keine Zeit. Denn er ist trotz seines fortgeschrittenen Alters noch viel beschäftigt, geht auf Reisen, schreibt Bücher, hält Vorträge und versucht „mit meinen bescheidenen Mitteln“ daran mitzuarbeiten, die Gesellschaft ein wenig zu verändern. Bereits in den 1920er-Jahren ist Bergmann in die kommunistische Partei eingetreten. Als Jude und Sohn eines Rabiners wuchs er in Berlin auf und konnte 1933 gerade noch vor dem Nazi-Regime fliehen. Da war er gerade mal 17 Jahre alt. Er emigrierte ins damalige Palästina, arbeitete zwei Jahre lang in einem Kibbuz und beschloss 1935 in die damalige Tschechoslowakei zu gehen, um Agrarwissenschaften zu studieren.

Auch dort wurde es schon bald zu gefährlich für den jüdischen Kommunisten. Nachdem er jahrelang im Exil in Schweden verharrte und seine Brötchen als Landarbeiter verdiente, kehrte er 1947 nach Deutschland zurück und setzte in Bonn sein Studium fort. Seine Promotion führte ihn nach Hohenheim, wo er 1973 zum Professor berufen wurde.

Ein bewegtes Leben, das immer von der Suche nach einem Kommunismus geprägt war, der eine neue Vision von menschlicher Gemeinschaft beinhaltete: „Der Film zeigt auf beeindruckende Weise, wie zwei Menschen (Karl Marx und Friedrich Engels) unterschiedlicher Herkunft gemeinsam ein historisches Werk erschaffen und eine neue Periode der gesellschaftlichen Ordnung eingeleitet haben“, so der 1916 in Berlin geborene Bergmann.

Das historische Politdrama von Raoul Peck spielt im Paris des Jahres 1844, am Vorabend der industriellen Revolution. Dort trifft der 26-jährige, im Exil lebende Karl Marx (August Diehl) auf Friedrich Engels (Stefan Konarske), dem charismatischen Sohn eines deutschen Fabrikbesitzers. Die so unterschiedlichen Männer  werden zu Weggefährten und inspirieren sich gegenseitig mit dem Ziel, die Arbeiterbewegung hinter sich zu bringen und eine bessere Welt zu schaffen. Doch Marx und Engels stoßen mit ihren gemeinsam verfassten Schriften manchen gestandenen Revolutionär vor den Kopf. Ihr Ziel: eine neue Vision menschlicher Gemeinschaft formulieren, in der die Arbeiterklasse den Kapitalismus überwindet.

Der Kampf der Arbeiter und die Geschichte der Klassenkämpfe ist auch immer Theodor Bergmanns Lebensthema gewesen. Während er in seiner Einführung einen Abriss der kommunistischen Bewegung gibt, räumt er später im Gespräch mit Beate Ehrmann auch Fehlentwicklungen und Irrtümer ein – die chinesische Kulturrevolution, die Moskauer Prozesse oder die Niederschlagung von Volksaufständen –, die der real existierende Kommunismus zu verantworten hat: „Marxismus ist keine Bibel“, sagt der  Wissenschaftler, „er muss weiterentwickelt werden und wir müssen aus seinen Fehlern lernen“. Kritik an den Irrtümern der kommunistischen Bewegung seien „nützlich und vorwärtsweisend und das Gegenteil des bürgerlichen Antikommunismus“.

Wie Marx und Engels versucht auch Theodor Bergmann die Realität zu sehen und in die Zukunft zu blicken: „Der Kampf um eine bessere Welt ist aktueller denn je“, sagt der in Stuttgart lebende Linke, „schließlich erleben wir gerade wieder eine schwere Krise des Weltkapitalismus.“