Der Engel als krönender Abschluss

29.08.2013

Meint ihr, ich wolle einen Engel gegen einen Gockeler eintauschen?" Mit diesen Worten bekräftigte eine selbstbewusste Reutlingerin ihre Weigerung, sich nach auswärts zu verheiraten. Denn auf den meisten Kirchtürmen sind Hähne zu sehen, während der Reutlinger Engel einmalig ist. Aus dieser Anekdote, die Klaus Amann überliefert hat, spricht der ganze Stolz der Reutlinger über ihren vergoldeten Engel, der am 5. August 1343 auf die Spitze des Kirchturms der Marienkirche gesetzt wurde und damit im wahrsten Sinne des Wortes den krönenden Abschluss des Kirchenbaus bildete.

Der Engel misst vom Scheitel bis zum Rocksaum 1,32 Meter und hat ein Gewicht von 35 Kilogramm. Er hat damit die Größe eines 15- bis 16-jährigen Knaben. Die Figur ist nicht gegossen, sondern sie besteht aus einzelnen gehämmerten und getriebenen Kupferplatten, die mit Nieten zusammengefügt wurden und dann außen vergoldet wurden.

Kopf, Hals, Oberkörper samt Oberarmen und der Rock von den Hüften abwärts sind je aus einem vorderen und hinteren Stück zusammengesetzt; die Unterarme und die rechte Hand sind angestückt.

In der linken Hand hält der Engel die Kreuzesfahne, die hoch über sein Haupt ragt. Besonders eigenartig ist es, dass der Engel nur einen Flügel hat. Ursprünglich besaß er aber zwei Flügel. Der Engel ist auf eine eiserne Achse aufgesteckt, um die sich der Engel dreht. Sie fußt in den Steinen der Turmspitze, strebt, sich stets verjüngend, durch ein Loch im Metallboden der Figur ins hohle Innere, durchstößt eine zweite Blechplatte im Halse des Engels und endet in einer kleinen Öffnung des Schädeldaches. Der Metallboden ruht beweglich auf einem Eisenring, der um die Achse gelegt ist. Durch Hochheben lässt sich die Figur von der Achse abnehmen.

Der Engel ist ein "Windengel". Der auf den Flügel und die Fahne einwirkende Wind bewegt die ganze Figur, nicht etwa bloß die Fahne. Ein Gegengewicht zum Flügel bildet der ausgestreckte Arm, der massiv ist. Wahrscheinlich wurde der Engel zunächst ohne Wetterfahne auf die Spitze der Marienkirche gesetzt. Die Wetterfahne, so wird vermutet, dürfte erst später dazugekommen sein.

"Das Haupt des Engels hat fast die Form einer Kugel, aus der das ovale breitwangige Gesicht herausgeschnitten ist. Das Antlitz ist grob gearbeitet. Unter der fliehenden, schmalen und niederen Stirn stehen die halbkreisförmigen Augenbrauen, die unmittelbar in den geraden Nasenrücken übergehen. Die hervorquellenden schiefen Augen sind nahe aneinandergerückt und blicken schräg nach unten. Ein derber Mund mit vorspringenden Lippen und ein starkes Kinn über dem kräftigen Hals vollenden die männlichen Züge. Weich wirken die schweren Locken, die wohl stilisiert in breiten Strähnen bis zur Kinnhöhe herabfallen."

An dieser Beschreibung von Julius Amann fällt auf, dass er wie schon Johannes Fizion in seiner Reimchronik von 1623 schreibt: "In Engelsgestalt ein Mann schön glitzt!" Dem Erzengel Gabriel, den die Figur vermutlich darstellen soll, wird also ein männliches Geschlecht zugedacht. Und das Gesicht erscheint ebenso geheimnisvoll wie das der Mona Lisa.

Der Engel hat bis jetzt 750 Jahre Wind und Wetter, Brand und Erdbeben getrotzt. Allerdings musste er nahezu in jedem Jahrhundert gerettet und repariert werden. So beispielsweise am 20. Juni 1494, als der Blitz in den Hauptturm der Marienkirche einschlug und die Spitze zertrümmerte. In diesem Zusammenhang wurde der Engel abgenommen und am 11. März 1495 wieder aufgesetzt.

Am 31. Juli 1726, acht Wochen vor dem Stadtbrand, holte der aus Heidelberg stammende Schieferdecker Johann Jakob Stierlin vor den Augen einer schaulustigen Menge den Engel herunter. Er sollte neu vergoldet und ausgebessert und namentlich die vor vielen Jahren abgefallene rechte Hand, welche drei Finger zum Schwur erhebt, wieder befestigt werden. Dies war eine überaus mutige und waghalsige Tat; denn es gab ja kein Gerüst, und der Dachdecker hatte stellenweise sicher nur eine Hand zur Verfügung, um die 35 Kilo schwere Figur aus ihrer Verankerung hochzuheben und herunterzuholen. Vier Tage später, am 3. August 1726, war der Engel repariert und vergoldet und musste wieder an seinen angestammten Platz gebracht werden. Hierüber berichtet der Chronist Memminger, dass "Stierlin unter Jauchzen und Frohlocken der ganzen Bürgerschaft den Engel wieder an seine Stelle" befördert habe. Auf der obersten Spitze, also in einer Höhe von 255 Fuß (= 71 Meter) "trank er 15 Gesundheiten, schoss bei jeder eine Pistole los und warf die Gläser herunter, die nur zum Teil zerbrachen. Ebenso warf er seine Schuhe und Strümpfe herunter und zog die ihm verehrten neuen an. Das Schauspiel dauerte bis 7 Uhr." Wir wissen nicht, welches Maß "eine Gesundheit" war, aber wir nehmen an, dass es sich um ein Reutlinger Viertele gehandelt hat. Der gute Dachdecker hat also in luftiger Höhe knapp vier Liter Wein zu sich genommen und damit seine Heldentat gefeiert. Dies war in der Tat eine Glanzleistung, die höchstwahrscheinlich am frühen Morgen ihren Anfang nahm und den ganzen Tag bis abends in Anspruch genommen hat.

Merkwürdigerweise wurde der Engel beim Stadtbrand verschont, obwohl die ganze Marienkirche vom Brand erfasst wurde. Auf den damaligen Bettelbriefen, die den Raub der Flammen veranschaulichten, ist dieses heil gebliebene Wahrzeichen überdimensional darstellt.

Hermann Kurz berichtet in seinen Denkwürdigkeiten von einem anderen mutigen Helden, der den Engel zur Reparatur heruntergeholt hat, ohne uns allerdings das Jahr und den Namen dieses Mannes zu überliefern. Es könnte sich um den Reutlinger Weingärtner Hohloch (genannt Duppeler) gehandelt haben, der es 1830 gewagt hat, den Trumengel zur Reparatur abzunehmen und wieder an seinen Platz zu bringen. Diese köstliche Geschichte wird in einem späteren Beitrag wiedergegeben.

Am 16. Februar 1867 kletterten zwei Reutlinger Schieferdecker dreimal zum Engel empor, putzten ihn, ölten die Achse, feilten und kitteten ihn. Auch diese Helden wurden wieder mit Wein und Pistolenschüssen gefeiert.

Am 14. Juli 1927 hatte ein Blitzschlag ein Stück aus der großen Kreuzblume herausgeschlagen. Damals waren der Tübinger Dachdecker Peetz und sein Kollege Max Kienle oben beim Engel. Bereits 1933 waren wiederum Reparaturarbeiten am Engel erforderlich, zu denen sich zwei andere mutige Dachdecker, Fritz Hänel und Wilhelm Mang, bereit fanden. Im Jahr 1943 wurde der Engel vom Blitz getroffen und stürzte in die Wilhelmstraße herunter. Dadurch hat er wenigstens die Fliegerangriffe einigermaßen heil überstanden, denn er wurde erst wieder nach dem Krieg auf den Turm aufgesetzt. Im Jahre 2009 wurde der Engel komplett restauriert und neu vergoldet. Dabei stand den Dachdeckern allerdings ein sicheres Gerüst zur Verfügung.

Klaus Amann, dem wir viele interessante Hinweise über den vergoldeten Engel verdanken, kommt abschließend zu folgender Bewertung: Auch wenn der Engel kein "großes Kunstwerk" sei, so sei er schon deswegen ehrwürdig wegen seines hohen Alters und um seiner echt Reutlinger Zähigkeitswillen.

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