Reutlingen Der Disziplinierte

Reutlingen / Von Kathrin Kammerer 17.11.2018

Wir haben uns mit Lukas Lang zum Interview in einem Reutlinger Restaurant verabredet und sind gespannt: Was verbirgt sich hinter einem jungen Mann, der schon zwei Bodybuilding-Wettkämpfe und eine Wahl zum Mister Germany hinter sich hat?

Ernährung und Training spielen die Hauptrolle

Bodybuilding und Mister-Wahlen sind mit ähnlichen Klischees besetzt: Selbstbewusstsein, ja sogar eine gewisse Selbstverliebtheit sagt man den Teilnehmern nach, Ehrgeiz und Disziplin. Bodybuilder, die sich bei Wettkämpfen anmelden, leben mehrere Monate wie in einem Tunnel: Ernährung und Training spielen die Hauptrolle. Wie hält man so einen Druck aus? Was treibt einen an – und wie beeinflusst diese Vorbereitung den Alltag? Lukas Lang macht einen sehr organisierten Eindruck, er spricht langsam und mit Bedacht. Am Interviewtag hat er frei, sonst muss er manchmal noch Vorlesungen an der Hochschule in Ludwigsburg besuchen. Wenn der Körper zu solchen Höchstleistungen getrimmt wird – hat man da überhaupt noch Kopf für etwas anderes?

18.0000 Follower auf Instagram

Über das soziale Netzwerk Instagram sind wir auf den 23-jährigen Sondelfinger aufmerksam geworden. Dort verfolgen mittlerweile 18 000 Menschen, wie er sich auf seine Wettkämpfe und die Mister-Wahl vorbereitet hat. Zum Interview trinkt Lang einen Grünen Tee. Mehr ist momentan nicht drin. Heute steht nochmal ein Wettkampf an: die Internationale Deutsche Meisterschaft im Bodybuilding-Verband NAC.

Erzähl: Wie bist du zum Kraftsport gekommen?

Lukas Lang Ich war 13 Jahre, als ich mir beim Aldi so ein Standard-Hantelset gekauft habe.

Mit 13 schon?

Ja, ich wollte einfach ein bisschen männlicher aussehen, hatte Filme mit Arnold Schwarzenegger und Silvester Stallone gesehen, und die haben mich echt motiviert. Mit 15 hab ich mich dann im Fitnessstudio angemeldet, mit 18 habe ich angefangen, meine Ernährung auch umzustellen. 2015, also mit 21 Jahren, hab ich mich dann für den ersten Wettkampf angemeldet.

Wie bereitet man sich langfristig auf so einen Wettkampf vor?

Also man sagt, die Vorbereitung beginnt zirka ein halbes Jahr vorher. Man fängt an, seine Ernährung gezielt umzustellen, weniger Fette und Kohlenhydrate, und mehr Proteine zu essen. In den letzten Wochen vor dem Wettkampf lässt man die Kohlenhydrate dann ganz weg, damit man gänzlich die letzten Fettreserven verliert.

Das hört sich nach einer Quälerei an!

Man ist teilweise schon sehr schwach und launisch, und kann sich schwer konzentrieren.

Ist das nicht gefährlich?

Ich geh an meine Grenzen – aber es ist in Ordnung so, ich bekomme beispielsweise kein Herzrasen.

Erzählt, was hast du heute gegessen?

Ich versuche generell sieben Mal am Tag zu essen, alle drei Stunden. Heute Morgen ging es los mit Eiklar, dazu ein bisschen Zimt für den Geschmack. Dazu gab es noch ein paar trockene Reiswaffeln.  Den restlichen Tag über esse ich jetzt noch 900 Gramm Hähnchen, 600 Gramm Pangasius, eine ganze Packung Reiswaffeln, 50 Gramm Reis und fünf Gramm Salz. Ich trinke so sechs bis acht Liter am Tag. Erst kurz vor dem Wettkampf wird die Wasserzufuhr reduziert, das sind dann nur noch drei Liter am Tag. Einen Tag vor dem Wettkampf trinkt man gar nichts mehr, damit man einfach noch definierter aussieht.

Wie viele Kalorien sind das momentan?

Das sind 2200 Kalorien. Aber mein Normalbedarf sind sicher 4000 oder sogar 5000.

Ist Essen noch Genuss für dich?

Ich bin ja schon ein Genussmensch, ich esse gerne und reichlich. Jetzt, vor dem Wettkampf,  hat man halt ein Ziel vor Augen und das motiviert unendlich. Und dann denkt man auch nicht mehr so arg über die geschmacklichen Qualitäten des Essens nach. Man sagt meistens: Es muss nicht schmecken, es muss wirken. 70 Prozent macht die Ernährung aus, 30 Prozent das Training.

Wenn es jetzt mal schmecken sollte: Auf was hättest du Lust?

Auf eine Pizza!

Wie oft trainierst du?

Aktuell trainiere ich fünf Mal pro Woche, am Wochenende mache ich Pause. Damit der Kreislauf runter fahren kann und sich das Immunsystem erholt.

Bleibt bei so einem Trainingspensum nicht das Sozialleben auf der Strecke?

Schon ein bisschen. Also besonders in den letzten vier Wochen bin ich eigentlich nicht weggegangen. Alkohol trinke ich sowieso nicht, das wirft einen um gute zwei Wochen im Training zurück. Aber wahre Freunde bleiben auch in so einer harten Vorbereitungszeit.

Bleibt bei so viel Sport und Ernährung noch Zeit für eine Beziehung?

(lacht) Aktuell habe ich keine Freundin. Als ich noch eine hatte, musste ich eben Kompromisse schließen, auch mal ein Training ausfallen lassen und so. Aber klar, es ist schon schwieriger, es gibt viel Reibungspotenzial durch den Sport und die Ernährung.

Was sagen deine Eltern zum Sport?

Am Anfang fanden die das ziemlich gut. Einfach, dass ich mich so stark für etwas begeistern kann und dass ich beschäftigt bin. Aber der Sport umfasst ja nicht nur die Zeit im Studio, der spielt sich auch viel in der Küche ab. Man kocht vor, man belagert oft die Küche und den Kühlschrank. Da bin ich mit meiner Mutter schon auch mal aneinander geraten.

Hand aufs Herz: Ist das alles natürlich? Wie sieht es mit Doping aus?

Doping ist schon sehr verbreitet im Bodybuilding. Aber in den Reihen, in denen ich mich bewege, kann man es auch ohne schaffen.

Und wie sieht es mit erlaubten Hilfsmitteln aus? Was nimmst du da?

Zink, Omega 3, Glutamin, Eiweißpulver...

Wie viel Geld gibst du im Monat also insgesamt für deinen Sport aus?

Essen kostet sicher 400 Euro im Monat. Und die ganzen Mittel zur Nahrungs-Ergänzung kosten nochmal gut 150 Euro.

Hast du dich durch den Sport verändert?

Man kriegt ein anderes Körpergefühl auf jeden Fall. Ja, und alles, was man eben für diesen Sport braucht, lässt sich auch gut auf das Privatleben übertragen: Also Disziplin, Zielstrebigkeit, Ehrgeiz.

Merken das Außenstehende? Oder fokussieren die sich eher auf die gängigen Bodybuilding-Klischees?

Diese negativen Klischees hör ich schon oft. Viele Leute sehen das, was ich mache, als abnormal an. Weil es eben nicht jeder macht.

Und dazu noch eine Mister-Wahl und ein Instagram-Profil, auf dem du hauptsächlich Bilder von dir selbst veröffentlichst...

Ja klar, das verstärkt die ganzen Vorurteile noch mehr. Arrogant, selbstverliebt, und das ganze Zeug eben, das hab ich schon oft gehört. Aber wenn die mich dann kennenlernen, dann sagen sie, dass ich gar nicht so bin, wie sie dachten.

Wie viel wiegst du?

Das höchste Gewicht, das ich hatte, waren 95 Kilo. Bevor ich jetzt mit dieser Diät angefangen habe, waren es 87 Kilo. Heute morgen waren es 78,1 Kilo.

Das ist schon eine große Schwankung...

Das ist größtenteils Wasser. Ein Beispiel: Bei meinem letzten Wettkampf vor zwei Wochen hatte ich 79 Kilo. Nach dem Wettkampf ging es dann zum Burger King, wo ich mir mal kurz 3000 Kalorien gegönnt habe. Einen Tag später hat die Waage 83 Kilo angezeigt.

Dein Leben beruht ja schon zu einem großen Teil auf Zahlen und ganz viel Disziplin: Ist man nicht ein bisschen essgestört als Bodybuilder? Das hört sich ja jetzt nicht nach einem Vergnügen an.

Na ja, was ein Essvergnügen ist, das definiert jeder anders. Für die einen sind 900 Gramm Hähnchen kein Vergnügen, für mich wären jeden Tag Pizza und Döner keins. Und wenn man nicht gerade in der Vorbereitung auf einen Wettkampf ist, dann kann man auch sehr abwechslungsreich und trotzdem gesund essen.

Könntest du dir vorstellen, mal ganz in die Fitness-Branche einzusteigen?

Nein, weil ich weiß, wie schwer es in dieser Branche ist. Ich studiere Public Management in Ludwigsburg. Aktuell schreibe ich Bewerbungen, ich bin im März dann fertig.

Ach, du schreibst jetzt auch noch deine Bachelor-Arbeit neben den ganzen Wettkämpfen her?

(lacht) Die habe ich schon vor einer Weile geschrieben. Mir war ja bewusst, was auf mich zukommt.

Okay, Fitness-Branche also ausgeschlossen. Wo siehst du dich dann beruflich später?

Ich habe mich beispielsweise als Haupt- und Ordnungsamtsleiter in einer 11 000-Einwohner-Kommune beworben. In zehn bis 15 Jahren könnte ich mir durchaus vorstellen, Bürgermeister zu werden. Was man sich wahrscheinlich dank der ganzen Bodybuilding-Klischees als allerletztes vorstellen könnte.

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