Geschafft: Der Bürgerbus ist blitzblank geputzt. Keine Spur mehr von Schnee, Eis und Schlamm. Entspannt blinkt sich Werner Fesseler,  der den Mercedes Sprinter gerade noch so in ein „offenes Zeitfenster“ in der Waschanlage der Reutlinger Stadtverkehrsgesellschaft gequetscht hat, in den dichten Freitags-Verkehr. „Heute ist unser freier Nachmittag“, sagt er – und meint damit nicht nur den Bürgerbus selbst, sondern das ganze Fahrerteam. Freitag nach der Mittagspause: Das ist die Zeit, in der alles erledigt werden muss, wofür sich sonst kein  Stündchen findet. Von langer Hand geplante Werkstatt-Termine, Reparaturen, die auf die Schnelle sein müssen – und eben die Fahrt zur RSV-Waschanlage.

Werner Fesseler hat all das fest im Griff. Er ist der Terminplaner. Der Zeit-Manager. Der, der sich um den Sprinter kümmert. Der, der die Fahrer koordiniert. Und der, der das Telefon immer morgens und nachmittags zu den Startzeiten nicht aus den Augen und Ohren lässt, weil er darauf wartet, dass die Team-Mitglieder anrufen und ihre Einsatzbereitschaft bestätigen. An Werner Fesseler kommt in Sachen Bürgerbus keiner vorbei – oder besser: Es fährt keiner an ihm vorbei. Und oft genug sitzt er eh selbst am Steuer.

Dabei hat er sich um das Ehrenamt nicht gerissen. Es war damals vor gut sechs Jahren eher so, dass er eine Notwendigkeit erkannt hat. Nämlich die, dass das Bürgerbus-Projekt, das die Stadt damals auf die Beine gestellt hat, einen Koordinator braucht. Einen Sprecher für ein Team, das sich erst noch bilden sollte. Als 2009 der Probebetrieb startete, wurden Fragebogen an alle Haushalte verteilt. Wer sich denn beteiligen wolle am Projekt, wollte die Verwaltung von den Pfullingern wissen. 30 potenzielle Fahrer haben sich damals gemeldet. „Ich war einer davon“, blickt Fesseler lächelnd zurück.

Für den Pfullinger kam das Ehrenamt damals nicht gerade ungelegen. „Ich war kurz vor dem Ruhestand als technischer Redakteur,“ erklärt der 65-Jährige. Einen „Sack voller Ehrenämter“ hatte er zu dem Zeitpunkt zwar  schon – beim Bürgertreff, beim Theater Tonne, bei der Energiegenossenschaft und der GAL –, aber ein Job mehr: Das sollte schon noch passen. „Da klemme ich mich dahinter“, hat er sich gedacht und gleich begonnen zu recherchieren, wie das bei bereits etablierten Bürgerbussen – zum Beispiel bei dem in Ebersbach – läuft. Seitdem sind mehr als sechs Jahre ins Land gegangen, fünfeinhalb davon ist der Bürgerbus bereits im Regelbetrieb. „Dass der Bedarf da sein würde – damit war zu rechnen. Und damit, dass alles funktionieren würde auch“. Dass aber „die öffentliche Aufmerksamkeit und die Wertschätzung der Gäste so groß sein würden“ – das hat Werner Fesseler dann schon überrascht.

Schokolade, Erdbeeren, Brezeln und Dankesworte von den Fahrgästen – all das ist praktisch an der Tagesordnung. Und jährlich neue Rekorde bei den Beförderungszahlen erstaunen inzwischen auch niemanden mehr.

Gestartet ist der Bus 2011 mit 3517 Gästen zwischen Juni und Dezember. 2012, als er erstmals ganze zwölf Monate unterwegs war, waren’s schon 7500 und 2013 sogar 9548.  2014 kam noch einmal ein deutlicher Anstieg auf 10 732,  dann ging die Zahl 2015 leicht zurück, um 2016 wieder einen neuen Rekordwert zu knacken: Im vergangenen Jahr haben Fesseler und Co. 10 848 Beförderungen gestemmt. Weshalb der Teamsprecher überzeugt ist: „Der Fahrplanwechsel hat sich bewährt“. 2016 wurde nämlich die Kühnenbach- mit der Nordwestschleife kombiniert, was bedeutet, dass der Sprinter vier Mal pro Stunde die Talseite wechselt. 

All die Zahlen – und noch sehr viele mehr – hat Fesseler jederzeit bereit. Ein Klick auf seinen Laptop und die gesamte Fahrgastentwicklung dröselt sich in Kurven auf.

Zufrieden ist der Pfullinger indes nicht nur mit den Beförderungszahlen – auch an Fahrern mangelts’s nicht. Derzeit sind es 23. „Fast zu viele“, sagt der Teamsprecher – weil halt nur neun Schichten pro Woche zu vergeben sind.

Er selbst hat seinen Personenbeförderungsschein gerade erst verlängert. Und in vier Jahren,  mit 69, will er die Prüfung nochmal wagen. Weil der Job so viel Spaß macht. Fesselers Erkenntnis: „Man gibt zwar einiges rein ins Ehrenamt – aber was zurückkommt ist viel mehr.“