Reutlingen Denn das Leben geht weiter

In ihrem Dokumentarfilm erzählt Regisseurin Karin Kaper das Schicksal von drei deutschen und drei polnischen Frauen, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus ihrer Heimat vertrieben worden sind. Foto: Rebekka Eyrich
In ihrem Dokumentarfilm erzählt Regisseurin Karin Kaper das Schicksal von drei deutschen und drei polnischen Frauen, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus ihrer Heimat vertrieben worden sind. Foto: Rebekka Eyrich
Reutlingen / REBEKKA EYRICH 08.03.2012
In Karin Kapers Dokumentarfilm "Aber das Leben geht weiter" erzählen drei polnische und drei deutsche Frauen aus verschiedenen Generationen, wie sie den Verlust der Heimat nach 1945 erlebt haben.

Der kleine Saal in der Volkshochschule ist mit 60 Menschen gut gefüllt. Wie sich später herausstellt, haben einige aus dem Publikum Ähnliches erlebt, wie die Frauen, die im Dokumentarfilm gezeigt werden. Keiner der Streifen, die Karin Kaper bislang als Regisseurin gemacht hat, ist auf so große Resonanz gestoßen, obwohl sie für andere Filme Preise gewonnen hat. "Das mag an der persönlichen Betroffenheit vieler Zuschauer liegen. Viele sind froh, dass das Thema endlich offen angesprochen wird oder überhaupt zur Sprache kommt", sagt sie. Nur wenn man darüber spräche, könnten die Betroffenen das Erlebte verarbeiten.

Karin Kapers Mutter Ilse, eine der Protagonistinnen im Film, wurde im heutigen Polen im Dorf Platerówka geboren und lebte bis zu ihrem 13. Lebensjahr auf dem elterlichen Hof. Im Sommer 1946 wurden sie und ihre Familie von der polnischen Miliz aus der Heimat vertrieben und fanden in Bremen ein neues Zuhause. Doch vergessen konnte Ilse Kaper ihr Heimatdorf Niederlinde nie. 1975 machte sie sich zum ersten Mal auf den Weg nach Polen und stieß auf die Familie, die nach ihrer Vertreibung den Hof bekam. Bis heute ist das Verhältnis von Herzlichkeit geprägt.

Der Dokumentarfilm berichtet eindrücklich, wie alle Beteiligten ungewollt ihre Heimat verlassen mussten und wie sie genau dieser Umstand zusammenführt. Denn die heutigen Besitzer des Hofes, die aus den damaligen Ostgebieten Polens stammen, wurden ebenfalls gegen ihren Willen in den Westen Polens umgesiedelt.

Viele Erinnerungen an die Kindheit und Jugend werden in Ilse Kaper wach: In welchem Raum des Bauernhauses war das Elternschlafzimmer, wo hat man sich vor der sowjetischen Armee versteckt, wie schmeckten die Äpfel aus dem eigenen Garten? Doch es ist keine Bitterkeit über das Verlorene, das im Film zum Ausdruck kommt. Es ist Trauer über die ungeahnte Wendung, die das Leben aller genommen hat, über die Jugend, die dem Krieg zum Opfer fiel. Aber dann überwiegt das Glück darüber, dass sie nie in die Fänge der sowjetischen Armee geraten sind und darüber, dass sie in Bremen eine Bleibe fand und schließlich auch eine Familie gründete.

Das Publikum ist skeptisch: Ist wirklich keine Bitterkeit über das verlorene Erbe zurückgeblieben? Die Autorin antwortet mit einer Gegenfrage: "Wollten Sie zurück in die alte Heimat?" "Nein", muss ein Zuschauer mit ähnlichem Schicksal zugeben. "Ich bin schon alt und habe die meiste Zeit meines Lebens in der Region verbracht." Genauso geht es der 80-jährigen Ilse Kaper heute. Sie ist eine Bremerin, was man nicht zuletzt am Dialekt erkennen kann. Und sie schaut in die Zukunft: Denn, das Leben geht weiter.

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