Pfullingen Den Sturm der Zeit gut überstanden

Pfullingen / MARTIN FINK 02.01.2014
Mächtig und stark steht er in dieser Form nun schon seit genau 550 Jahren als wesentlicher Teil des stadtbildprägenden Bauwerks mitten in der Stadt - der Chor der Pfullinger Martinskirche.

Neben dem Kirchturm stellt der Chor den ältesten Teil des spätgotischen Kirchenbaus dar, den sich viele Pfullinger unterschiedlicher christlicher Konfessionen bis heute immer wieder - mehr oder weniger freiwillig - geteilt haben.

Blicken wir im Rahmen einer kleinen Zeitreise zurück: Pfullingen im Jahr 1463. Ein durch viel Landwirtschaft geprägter Ort zwischen Reutlingen und der Alb mit wohl etwas über 1000 Einwohnern. Bei rund der Hälfte der Bevölkerung handelte es sich um leibeigene Bauersleute, die zu Frondiensten verpflichtet waren und die in großer Abhängigkeit zu ihrem jeweiligen Leib- oder Grundherrn standen. Als unfreie Personen mussten sie beispielsweise sehr hohe Abgaben in Form von Naturalien an ihren Grundherrn leisten oder durften nur nach Genehmigung des Leibherrn heiraten. Die bürgerlichen Geschicke des Dorfes bestimmten neben dem Schultheiß damals vor allem der Ortsherr Caspar Remp und seine Familie, deren Wappen daher auf allen amtlichen Schriftstücken prangte. Das uns heute bekannte Pfulbenwappen folgte erst Jahrzehnte später nach dem Tod von Caspar Remp. Ebenso konnten in dieser Zeit die meisten Menschen weder lesen noch schreiben, eine allgemeine Schulpflicht gab es noch nicht. Aber bereits vor über 550 Jahren war der dem Heiligen Martin geweihte Kirchenbau das mit Abstand größte Bauwerk und damit wichtiges kirchliches Zentrum in der Dorfmitte.

Trotzdem planten und arbeiteten die Baumeister, welche vermutlich aus der Bauhütte um Aberlin Jörg stammten, im Jahr 1463 schon weit über zehn Jahre lang an einem noch größeren Kirchenneubau. Denn die romanische, dreischiffige Vorgängerkirche aus dem 12./13. Jahrhundert war baufällig gewesen, außerdem war sie zu klein geworden für die stetig wachsende Kirchengemeinde.

Nun gab es ein Problem: Die Kirchengemeinde allein hätte niemals aus eigener Kraft den Neubau in dieser Größenordnung finanzieren können, aber zum Glück waren die Kirchenrechte der Martinskirche durch eine königliche Schenkung schon im frühen 14. Jahrhundert an das Kloster Salem gegangen, das sich fortan um die Pflege und den Erhalt des Kirchenbauwerkes kümmern musste. Das Salemer Kloster erhielt zu dieser Zeit sämtliche hiesigen Kircheneinkünfte, zu denen auch die umfangreichen Zehntrechte auf der schon damals großen Pfullinger Gemarkung zählten.

So genannte Marksteine markierten zu dieser Zeit die Zehntgerechtigkeit, der schönste Markstein steht - wenn auch erst nachträglich dorthin versetzt - übrigens heute noch bei der Pfullinger Schillerlinde und weist mit dem gut erhaltenen Hirtenstab auf den Abt von Salem hin. Außerdem hatte das Wort des Abtes Gewicht, wenn es um die Besetzung der Pfarrstelle an der Martinskirche ging. Und eben dieser Abt war nun Patronats- und Bauherr und somit Geldgeber für wesentliche Teile der heutigen Kirche. So ließ er im Jahr 1463 nicht nur den Schlussstein hoch oben im netzgewölbten Chor setzen, sondern bestimmte auch noch drei weitere markante Punkte, die bis zum heutigen Tag den Chorraum prägen.

Zunächst legte der Abt fest, dass im vorderen Schlussstein Maria als Himmelskönigin dargestellt wird, wohl als Zeichen für die damals stark zunehmende Marienverehrung, die auch Pfullingen erreichte und wahrscheinlich mit ein Grund für den recht großzügigen Kirchenneubau war.

Der mit Namen leider unbekannte Chefbaumeister aus der Schule um Aberlin Jörg sollte dauerhaft im Chorraum verewigt werden. Klein und bescheiden, sich aber seiner großen Verantwortung bewusst, trägt er seither symbolisch die ganze Kirchenlast und stützt eine kleine Strebe an der Südseite des Chores. Der Baumeister ist in seiner für die damalige Zeit typischen Arbeitskleidung als Steinmetz gekleidet. Sein Blick fällt auf sein Steinmetzzeichen, das in Wappenform links neben dem Eingang zur Sakristei abgebildet ist. Rechts davon ist das Pfullinger Stadtwappen mit dem Pfulben zu sehen. Diese Darstellung wurde allerdings erst nachträglich im 16. Jahrhundert hinzugefügt.

Aus der Bauzeit stammt wohl auch die Bemalung am östlichen Ende der Nordwand des Chores, wo die beiden gemalten Engel die Hostien in der kleinen Sakramentsnische bewachen. Am Übergang vom Kirchenschiff in den Chor befand sich vor 550 Jahren noch ein Hochaltar. Bis auf die Predella wurde dieser Hochaltar vermutlich im Bildersturm der Reformationszeit zerstört. Der kelchartige Taufstein, eines der ältesten Zeugnisse in der heutigen Martinskirche, wurde schon in der Vorgängerkirche genutzt und ist nach neuesten Untersuchungen sehr wahrscheinlich bereits im 13./14. Jahrhundert entstanden. Die verschiedenen Epitaphe im Chor und Kirchenschiff sind allerdings erst nach Einführung der Reformation als Gedenktafeln ab dem 17. Jahrhundert nach und nach gestiftet worden und erzählen bildhaft neben der jeweiligen Familiengeschichte auch wichtige Teile der Pfullinger Kirchen- und Stadtgeschichte.

Auch die bemalten Kirchenfenster schmücken den Chorraum erst seit dem 20. Jahrhundert und wurden vielfach von Pfullinger Familien gestiftet. In den Fenstern lässt sich gemaltes Evangelium mit lokalen Bezügen erkennen.

Den Sturm der Zeit mit all den leidigen Kriegshandlungen hat der Chor über all die Jahrhunderte hinweg gut überstanden. Trotz großer Zerstörungen im Chorinnenraum während der Bildersturmzeit der Reformation und mehreren Innenumbauten im 19. und 20. Jahrhundert ist bis heute noch vieles im Original im Chor erhalten geblieben. So wurde beispielsweise im Rahmen der großen Kirchenrenovierung vor rund 50 Jahren die netzgewölbte Chordecke mittels Torstahl durch eine aufwendige und sehr spezielle Bohr- und Ankertechnik im Deckenbereich neu verankert und gesichert. Neben der netzgewölbten Chordecke mit den Schlusssteinen ist und bleibt jedoch das Steinrelief des Heiligen Martin über dem Eingang zur Sakristei die wohl größte und zugleich aufwendigste Darstellung im 1463 neu erbauten Chorraum. Denn eines war dem damaligen Salemer Abt und allen beteiligten Bauleuten bewusst und zugleich Verpflichtung: Im Chorraum der neuen Martinskirche sollte an zentraler Stelle auch der Namenspatron, der Heilige Martin, hoch zu Pferd bei der Mantelteilung an den Bettler, dargestellt werden.

550 Jahre Chor der Martinskirche heißt aber auch: ein besonderer Kirchenraum für ganz unterschiedliche Menschen aller Konfessionen und Generationen in ganz bewegten Zeiten.

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