Reutlingen Den Jubel redlich verdient

Die 17-jährige Hannah Leonhard hat sich schon früh für Vasks’ Tonsprache begeistert.
Die 17-jährige Hannah Leonhard hat sich schon früh für Vasks’ Tonsprache begeistert. © Foto: Susanne Eckstein
Susanne Eckstein 04.07.2018

Man staunt jedesmal aufs Neue. Über 60 junge Musikerinnen und Musiker füllen die Bühne im Großen Saal, die Besetzung ist sinfonisch, das Nachwuchsorchester der Jungen Sinfonie Reutlingen erneuert sich stets, es blüht und gedeiht. Zum schwarzen Bühnenoutfit kontrastieren die traditionellen roten Accessoires: Blüten, Schleifen, Socken, Hemden. Auch das Auditorium des Großen Saals war an diesem Sommerkonzertabend gut besetzt, die Stimmung familiär.

Zum Einstieg wählten Maria Eiche und das NWO französische Romantik: die Pavane op. 50 von Gabriel Fauré. So zärtlich sie dem Ohr schmeichelt, sind hier doch gute Solobläser und ein langer Atem für die weit schwingende Melodik gefragt. Für die ersteren war die Aufgabe sicher nicht einfach, doch sie trafen gemeinsam mit ihren Mitstreitern sehr gekonnt den Charakter des Werks.

Viel Mut bewiesen Maria Eiche, ihre Streicher und vor allem die Solistin aus den Reihen der Jungen Sinfonie bei dem zentralen ,,neuen“ Werk des Abends, dem Konzert für Viola und Streichorchester des lettischen Komponisten Peteris Vasks aus der Zeit um 2014/2015. Die 17-jährige Bratscherin und Jungstudentin Hannah Leonhard hat sich schon früh für Vasks’ Tonsprache und dieses Konzert begeistert und den Komponisten sogar persönlich kennengelernt. Selbstverständlich hat sie sich intensiv mit dem Werk auseinandergesetzt; die Schwierigkeiten vor allem in den mittleren Sätzen und den virtuosen Solokadenzen meisterte sie bewundernswert sicher, allenfalls könnte sie noch mehr Nachdruck und Gestaltungskraft entwickeln. Besonders berührend gelangen ihr – stets in sensiblem Zusammenspiel mit den NWO-Streichern – die ruhigen Rahmensätze, die die übliche Schnell-langsam-schnell-Satzfolge umkehren, und in denen sie auf der Viola einen dunkel getönten, manchmal zerbrechlich wirkenden Gesang anstimmte und das Ohr so sanft in Vasks’ Gedankenwelt hineinzog, dass dem zart verklingenden Schlussakkord gebannte Stille folgte, bevor der lebhafte Applaus einsetzte.

Für den zweiten Teil des Abends waren gleich alle zwei ,,Carmen“-Suiten von Georges Bizet und Ernest Guiraud, dem Bearbeiter, angesetzt. An den beliebten Melodien und Rhythmen konnte sich das Orchester erproben und entfalten: Man darf beim Anblick der sinfonischen Besetzung nie vergessen, dass hier keine Profis, sondern Schüler, ja Orchesteranfänger am Werk sind, die sich erst mit der Partitur vertraut machen müssen. So brauchte die elegant und präzis dirigierende Maria Eiche hie und da ihre volle Präsenz, um alle Stimmen im gleichen (manchmal klug gedrosselten) Tempo akkurat beisammenzuhalten. Auch die Intonation in den Bläsern verdient noch mehr Aufmerksamkeit, zumal sie in diesen Suiten reichlich Soloaufgaben wahrzunehmen haben. In diesem Fall sind speziell die Querflöten und die Trompeten zu loben, die eine blitzsaubere ,,Gardemusik“ und tonschöne Fanfaren (auf der Bühne und hinten im Saal) beisteuerten.

Dank der Disziplin und Musikalität aller gelang die ambitionierte Aufführung insgesamt gut, das Publikum genoss eine genau durchhörte und auch mal leidenschaftlich zündende Oper ohne Worte. Den Jubel am Ende haben sich alle Beteiligten redlich verdient.

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