Reutlingen Den eigenen Stuhl besetzen und besitzen

25 Jahre Frauenfrühstück: Ingrid Seeck referierte beim Frauenfrühstück im City Hotel Fortuna über "Meine Eltern, meine Kinder und ich".
25 Jahre Frauenfrühstück: Ingrid Seeck referierte beim Frauenfrühstück im City Hotel Fortuna über "Meine Eltern, meine Kinder und ich". © Foto: Patricia Kozjek
Reutlingen / PATRICIA KOZJEK 31.03.2015
Rund 130 Besucherinnen waren am Samstagmorgen zum "Frühstückstreffen für Frauen" ins City Hotel Fortuna gekommen, das bei selbiger Veranstaltung auch gleich seinen 25. Geburtstag feierte.

Während sich Frauen zum Austausch in Lebensfragen in der Schweiz bereits 1983 trafen, wie die zweite Vorsitzende Susanne Hetzel weiß, platzierte man den Event in Reutlingen erstmals 1990. Bis 1998 veranstaltete man die Treffen, immer zweimal im Jahr (Frühling und Herbst) in der Eninger HAP-Grieshaber-Halle. "Damals war für junge Frauen mit Kindern sonst wenig Platz für Lebensfragen", blickt Hetzel zurück. "Deshalb wurde auch immer Kinderbetreuung mit angeboten." Sehr gut besucht sei man eigentlich immer, bestätigt sie. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Es sind schließlich nicht nur das eigentliche Treffen und der Austausch der Frauen untereinander, auch ausgewähltes Programm und spannende Referenten machen das Frühstück reichhaltig. Zum Thema "Leben zwischen den Stühlen" referierte am Samstag die Buchautorin und Dipl. Lebens- und Religionspädagogin Ingrid Seeck aus Bretten. Ihr Thema "Meine Eltern, meine Kinder und ich", fand regen Anklang. Insbesondere deshalb, weil jede der Teilnehmerinnen die ein- oder andere Situation aus dem eigenen Leben "so unglaublich bekannt" vorkam, wie es eine Besucherin auf den Punkt brachte.

Die vierfache Mutter referiert für gewöhnlich aber "nicht nur fürs Herz". "Auch etwas für's Hirn darf dabei sein", wie sie gleich zu Beginn schmunzelnd vorwegnimmt. Ihre Themen sind Lebensthemen. "Wir Frauen beschäftigen uns schlicht mehr damit", glaubt sie.

Grundsätzlich gilt: "Es spielt eine große Rolle, wie man aufwächst, wir tragen es in unser Leben hinein", beginnt sie. "Dem Einzelkind fehlen zum Glück die Geschwister", formuliert sie zweideutig wie sinnbildlich. So spielten Eltern in unserem Leben hingegen lebenslang eine Rolle, auch wenn sie zwischenzeitlich vielleicht gestorben sind, macht sie klar. Den nötigen Abstand (zu Eltern und den eigenen Kindern) im späteren Leben zu halten und die Sätze, die man als Kind immer gehört hat, nicht automatisch weiter zu gebrauchen, sei oft nicht einfach, weiß die ausgebildete Seelsorgerin. Auf welchem Stuhl sitze ich also? Auf Vaters oder auf dem Stuhl der Mutter? "Am besten auf dem eigenen", empfiehlt sie - nicht ohne gute Gründe dafür zu nennen. Erwachsensein hieße auch, den "eigenen Stuhl zu besetzen und ihn zu besitzen".

Nicht abhängig sein von der Meinung seiner Eltern oder der Zufriedenheit anderer Menschen, bedeute (selbst) zu leben, anstatt zu funktionieren. "Es lebt sich anders", motiviert sie. "Später werden wir nicht gefragt, warum wir nicht Bundeskanzlerin oder Filmstar geworden sind. Wir werden gefragt, was wir aus unserem Stuhl gemacht haben", mutmaßt die Frau, die seit 43 Jahren verheiratet ist und zehn Enkel hat. "Da blüht was auf und kann zur Rose werden, auch zum Gänseblümchen oder Stachelkaktus". Und: "Muskelkater im Herzen darf sein." Sitzt man hingegen als alte, verschrumpelt-bittere Zitrone auf seinem Stuhl, ist etwas falsch gelaufen, regt Seeck an, indem sie die mitgebrachte alte Zitrone symbolisch auf den Stuhl legt. Viel Applaus gab es nicht nur für die Referentin selbst, sondern auch für die jungen Musiker Hanna Hacker (Gesang) und Maxim Kimmerle (Klavier) - beide Preisträger von Jugend musiziert.

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