Reutlingen Dem Schicksal ein Gesicht geben

Reutlingen / Von Carola Eissler 08.12.2018

Die Nachrichten von Ertrunkenen im Mittelmeer finden inzwischen nur noch selten den Weg in die Medien. Und gestern hat die „Aquarius“ erklärt, dass sie die Flüchtlingsrettung einstellt, weil sie seit geraumer Zeit kriminalisiert und mit Strafverfahren überzogen wird. „Das ist erschreckend, was mit der Aquarius passiert“, sagt der Reutlinger Markus Groda, der sich mit der „Seebrücke Reutlingen-Tübingen“ für die Seenotrettung engagiert. Der Unternehmer war bereits mit der „Sea-Eye“ vor der libyschen Küste unterwegs und brachte Flüchtlinge in Sicherheit. Auch er und seine Organisation laden zusammen mit dem Asylpfarramt Reutlingen am Montag zur Mahnwache auf dem Marktplatz ein.

Asylpfarrerin Ines Fischer geht es vor allem darum, den Flüchtlingen ein Gesicht zu geben. „Sobald wir von den Schicksalen dieser Menschen und von ihren persönlichen Geschichten erzählen, stelle ich bei den Leuten sehr große Betroffenheit fest.“ Fischer ist sich sicher, dass die deutsche Zivilgesellschaft keine Abschottung wolle. Und sie verweist auf den Artikel drei der Allgemeinen Menschenrechte: „Jeder hat das Recht, gerettet zu werden.“

Noch immer engagieren sich in Reutlingen sehr viele Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe und in der Betreuung von Asylbewerbern. Und dies seit nunmehr vielen Jahren, verstärkt seit 2015. Die Vernetzung mit der Seenotrettung ist für Fischer ein wichtiger Aspekt ihrer Arbeit, gerade angesichts der Tatsache, dass die Gesetze und Verordnungen strikter werden. Gleichzeitig kämpfen Groda und seine Mitstreiter gegen die Kriminalisierung der Helfer auf dem Mittelmeer. Den Vorwurf, sie würden mit Schleusern gemeinsame Sache machen, weist Groda entschieden zurück. „Das ist völliger Unsinn. Ich kann meine Hand dafür ins Feuer legen, dass keiner von uns Kontakt zu Schleusern hatte.“ Derweil werde die Rettung immer schwieriger, sagt Groda.

Ohne die vielen Ehrenamtlichen wäre die Flüchtlingshilfe  nicht zu stemmen. Auch nicht in Reutlingen. Dennoch weiß Fischer: „Wir brauchen Hauptamtliche.“ Auf der staatlichen Ebene müsse das Verständnis dafür wachsen, welche Strukturen für die Arbeit gebraucht werden. Für die Asylpfarrerin geht es um das Zusammenleben, das auf Dauer gestaltet werden müsse. Dass in Deutschland die Strukturen diesbezüglich nur mit Verzögerung aufgebaut wurden, macht Fischer an einem Beispiel deutlich: „Erst seit 2005 gibt es Integrationskurse.“

Die Mahnwache am Montag soll zum einen die Situation der Flüchtlinge in den Fokus stellen, aber auch für Menschenrechte im Allgemeinen sensibilisieren. „Wertschätzen, dass wir in einer Demokratie leben“, wie Fischer es ausdrückt. Dies sei inzwischen nicht mehr selbstverständlich. „Wir brauchen eine Bevölkerung, die sich für diese Demokratie einsetzt.“ Dass dieses Bewusstsein bei der Mehrheit der Bevölkerung vorhanden ist, davon ist Fischer überzeugt.

Mahnwache zum Tag der Menschenrechte

Am Montag, 10. Dezember, findet um 17 Uhr auf dem Marktplatz Reutlingen eine Mahnwache zum Tag der Menschenrechte statt. Die Organisatoren stellen in diesem Jahr die katastrophale Situation von Geflüchteten im Mittelmeer und die Kriminalisierung der privaten Seenotrettung in den Mittelpunkt der Mahnwache. Der Tag der Menschenrechte erinnert an die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die am 10. Dezember 1948 durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet wurde. Dieses Jahr wird die Erklärung 70 Jahre alt.

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