Reutlingen Das pralle Leben

Klangsinnliche Interpretation von Orffs "Carmina Burana": Konzert in der Stadthalle unter Christian Bonath.
Klangsinnliche Interpretation von Orffs "Carmina Burana": Konzert in der Stadthalle unter Christian Bonath. © Foto: Eckstein
Reutlingen / SUSANNE ECKSTEIN 10.03.2015
Ein Prachtstück, diese "Carmina Burana". Die Gesänge erlebten unter Christian Bonath eine klangsinnliche Darbietung in der Stadthalle - mit capella vocalis, Solisten, Philharmonie und Ensemble Paulinum.

Auch wenn die Aufführung von Orffs "Beurener Gesängen" im großen Saal der Stadthalle mit etwa 120 Sängern schon rein akustisch eine Attraktion für sich darstellte, war sie leider nur mittelmäßig besucht. Lockte der Frühlingstag ins Freie?

Mit von der Partie waren der Reutlinger Knabenchor capella vocalis, verstärkt durch Christian Bonaths Ensemble Paulinum Worms, das Orchester der Württembergischen Philharmonie Reutlingen, als Solisten Susan Eitrich (Sopran), Joaquín Asiain (Tenor) und Thomas Berau (Bariton), die Gesamtleitung hatte Christian Bonath.

Die Anrufung des Schicksals ("O Fortuna") versprach geschärfte Sprache und rhythmische Kraft. Die Chorstimmen wurden perkussiv eingesetzt, die Pausen ausdrucksvoll gespannt, der Orchesterrefrain lustvoll dahergefetzt.

Das Lob des Frühlings ("Primo Vere") schwebte zart über gläsernen Klangflächen, Thomas Berau besang ihn mit voller Stimme und plastischer Aussprache. Etwas heikel schien die Intonation des "Ecce gratum", doch straff und schwungvoll wie Bonaths Dirigat gelangen Orffs archaisch-bayrische Zwiefache, lupenrein die Höhen.

Mit "Chramer, gip die varwe mir" (im Textbuch übersetzt mit "Händler, gib mir von der Schminke" - der ganze lateinisch-französisch-mittelhochdeutsche Text war stillos aktualisierend übertragen) erlag die bislang mit Hilfe der Schlagwerker flott vorwärts getriebene Bewegung jedoch der romantischen Klang-Verführung durch die Streicher und blieb von da an vorwiegend statisch. "Chum Geselle" hätte auch als Weihnachtslied durchgehen können. Wurde allzu ästhetisch-gepflegt musiziert? Woran es fehlte, war die Natürlichkeit, die Orffs Musik gut zu Gesicht stünde. Selbstverständlich wurde - abgesehen von kleinen Makeln - eine professionelle Leistung geboten, der Chor machte seine Sache vorzüglich. Ab dem Kneipen-Tableau ("In Taberna") beeinträchtigte wiederholter Solisten-Applaus Fluss und Flair der Musik. Thomas Berau gab einen großartigen Tavernen-Torero, Joaquín Asiain den ironisch quäkenden Schwan am Spieß, die lateinischen Sauflieder wurden vom Chor klangschön ausgestaltet.

Das Applaudieren störte besonders das erotische Treiben im Liebeshof ("Cour d'amours"), wo Orff "lascivus amor" mit "pudicitia" (Schamhaftigkeit) paart, sinnigerweise verkörpert im Gesang der jüngsten Knaben, die nun, nachdem sie bislang untätig (immerhin sitzend) auf der Bühne hatten ausharren müssen, endlich zum Zuge kamen. Reinheit, Strenge und Klangsinnlichkeit verbanden sich hier zu einem bezwingenden Musikerlebnis, überstrahlt durch den makellosen Sopran von Susan Eitrich, deren profunde Erfahrung mit Alter Musik in die natürliche Schlichtheit ihres Singens einging.

Im Schlussbild führt Orff sowohl den Solo-Bariton wie den Sopran in extreme Lagen; beide Sänger bewältigten ihre Grenzgänge souverän. Auch der Chor ist hier gefordert: Wenn der Junge mit dem Mädchen undsoweiter ("Si puer cum puellula"), singt er ohne Begleitung - prächtig!, auch die Kleinen loben lupenrein die Liebe, bevor der Solo-Sopran mühelos den Gipfel der Lustbarkeit erklimmt und am Ende alle zusammen, begleitet vom Trommeln, Klingeln und Krachen des Schlagwerks das monumentale Finale anstimmen. Lang anhaltender Beifall, Sonderapplaus für den Knabenchor.

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