Pfullingen Das Hirn einschalten gegen Rassismus

Hanna Maier hielt bei der Demonstration eine bewegende Rede.
Hanna Maier hielt bei der Demonstration eine bewegende Rede. © Foto: Evelyn Rupprecht
Von Evelyn Rupprecht 10.11.2018

Wenn wir heute wieder ein Regime wie im Dritten Reich hätten – wie viele von Euch würden dann ausgegrenzt oder gar getötet werden?“ Die Frage, die Hanna Maier an diesem Freitagnachmittag an die mehr als 200 Demo-Teilnehmer auf dem Pfullinger Marktplatz stellt, könnte kaum treffender sein. Die einstige Schülerin hält eine bewegende Rede über Liebe und Respekt, Hass und Angst. Und sie ist sich sicher: „Wenn Du hasst, kannst Du nicht glücklich werden“. Eine Überzeugung, für die Hanna viel Beifall bekommt von den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, die zusammengekommen sind, um Rassismus, Hass und Hetze die Stirn zu bieten und sich gleichzeitig stark zu machen für Toleranz, Offenheit und Gerechtigkeit – all das nicht an irgend einem Tag, sondern am 9. November 2018, an dem sich die Reichspogromnacht zum 80. Mal jährt.

Initiatorin der Demo ist die Wilhelm-Hauff-Realschule, an der elf Prozent der Schüler Ausländer sind und 30 Prozent einen Migrationshintergrund haben. Zahlen, die im Alltag kaum eine Rolle spielen, weil das Schulleben gut funktioniert – so gut, dass die Lehrer auf die Idee kamen, diese Demonstration zu stemmen, für die sich die Schüler vom ersten Augenblick an begeistern konnten. „Die ganze Woche schon war an unserer Schule eine tolle Stimmung. Die Jungen und Mädchen haben an ihren Plakaten gearbeitet, die Demo war die ganze Zeit über Thema“, berichtet Konrektorin Julia Menzler während Schulleiter Jochen Wandel vor der Martinskirche ans Mikro tritt, um an Artikel eins des Grundgesetzes zu erinnern. Daran, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Und dass man trotzdem auch heute noch Rassismus erlebt. „Aber wir sind hier, um Nein zu sagen zu Ausgrenzung“, ruft Wandel den Demonstranten zu, die ihre Plakate weit nach oben halten.

„Alle lachen in derselben Sprache“, „Stell’ Dir vor, Du musst fliehen und kannst nirgends hin“ und „Migration is not a crime“ ist darauf zu lesen. Der Tenor ist eindeutig. Ähnlich klar drücken sich die Redner aus. „Für ein Ja zur Vielseitigkeit muss man stark sein. Und Ihr seid stark“, ermuntert Oliver Lacher, Pastor der evangelisch-methodistischen Kirche, die Jugendlichen. „Wir haben einen Traum, dass alle Menschen gleich behandelt werden“, verkündet die SMV. „Auch wir sind gegen Rassismus“, sagen die Schloss-Schüler. Und Bürgertreff-Chef Gert Seeger mahnt, dass man es nicht zulassen dürfe, „dass Rassismus und Hetze bei uns wieder Fuß fassen“. Anna und Mo, Luzi und Johanna, allesamt Zehntklässler, lesen Gedichte vor, die den Zuhörern zu denken geben – ähnlich schaut es mit den Liedern aus, die die Schulband und Hanna Herrlich an diesen Nachmittag spielen. Den 9. November 2018 dürften die Pfullinger Realschüler in guter Erinnerung behalten – es war der Tag, an dem sie sich stark gemacht haben gegen Rassismus, Hass und Hetze. Oder wie es die Demo-Veranstalter auf ihrer Einladung formuliert haben:  Es war der Tag, an dem es hieß „Hirn einschalten, Rassismus ausschalten“.

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