Reutlingen Das Helferteam in den Bergen von Nepal

Reutlingen / Von Kathrin Kammerer 15.01.2019

Seit eineinhalb Monaten sind Anne Claußnitzer und Claudia Stall wieder in Deutschland. Hinter ihnen liegen vier Wochen in Nepal. Bei einem Redaktionsbesuch erzählen sie von der (oft dürftigen) medizinischen Versorgung vor Ort und von kleinen und großen Schwierigkeiten in einem Land, das im Frühjahr 2015 durch Erdbeben stark verwüstet wurde.

Für Claußnitzer, die gemeinsam mit ihrem Mann Rainer seit zehn Jahren in Nepal medizinische Hilfe leistet, war es sozusagen ein Besuch in der zweiten Heimat. Für Stall, die als Krankenschwester in einer Arztpraxis arbeitet und sich extra unbezahlten Urlaub genommen hatte, war es die erste Reise nach Nepal und die erste Reise als medizinische Helferin. Seit dem Erdbeben ist die Schere zwischen Arm und Reich dort immer weiter aufgegangen, sagt Claußnitzer. Die Armen leben oft immer noch in notdürftigen Wellblechhütten. Die, die Verwandte und Bekannte im Ausland haben, konnten sich dagegen schnell wieder gute Häuser aufbauen.

Dieses Mal war Claußnitzer mit einem reinen Frauen-Team unterwegs: Gemeinsam mit Stall, Carmen Fischer-Weißschuh (Krankenschwester), Lisa Funfack (Physiotherapeutin), Karen Schwab (Ärztin) sowie einer einheimischen Hebamme und einer Krankenschwester machte sie sich auf den Weg nach Gunsakot. Das 2000-Einwohner-Dorf liegt in einer Region, die 2015 von den Erdbeben zentral betroffen war. Mehr als 500 Menschen starben hier, so Claußnitzer. In Gunsakot besichtigten die Frauen, die für den Verein „Nepali Rotznäschen“ unterwegs waren, einen sogenannten Health Post: eine kleine Krankenambulanz.

Der Bürgermeister des Ortes hatte angefragt, ob der Verein den Aufbau eines neuen Posts finanzieren würde. Das mussten Claußnitzer und ihr Team zwar ablehnen, da nur 30 Minuten entfernt nochmal zwei „Health Posts“ sind. „Die müssen sich nur besser vernetzen“, war Claußnitzers Fazit. Trotzdem gab das Team Sprechstunden und Workshops vor Ort. Physiotherapeutin Lisa Funfack brachte den Schülern im Dorf bei, wie man die Gelenke bei langen Fußmärschen und dem Tragen schwerer Gewichte entlasten kann. In Nepal gibt es hauptberufliche Lastenträger, berichtet Claußnitzer. Diese wiegen selbst vielleicht 50 Kilo, können aber 100 Kilo tragen.

„Die Menschen in Nepal haben keine Krankenversicherung“, sagt Claußnitzer. In den „Krankenposten“ können sie immerhin rudimentäre Medikamente wie Schmerzmittel, Augentropfen und Antibiotika bekommen. Von den entlegenen Bergdörfern aus müssen viele einen tagelangen Marsch zurücklegen, bis sie in die Nähe eines großen Krankenhauses kommen. Wer diesen Marsch nicht mehr schafft, der stirbt. Die Lebenserwartung der Menschen in Nepal beträgt etwas mehr als 50 Jahre, sagt Claußnitzer. „Ich war in Regionen, in denen 40-jährige Frauen zehn bis zwölf Kinder haben.“ Stall fügt hinzu: „Die Menschen sehen sehr alt aus, das harte Leben hat sie geprägt.“ Bronchitis, Rückenprobleme, Tumore, schlecht verheilte Knochenbrüche sind „Volkskrankheiten“ in Regionen, die man mit dem Auto nicht erreichen kann.

Jahrelang hatten die Claußnitzers und ihr Nepal-Helferteam das Arun-Tal besucht. Darauf wurde beim letzten Besuch verzichtet, bedauert Anne Claußnitzer: „Vor Ort gab es einen politischen Wechsel.“ Im Arun-Tal hatten die Claußnitzers den Aufbau einer Wasserkraftanlage unterstützt. Diese Anlage sollte es den Nepalesen ermöglichen, den Kardamom, den sie anpflanzen, elektronisch zu trocknen. Die neuen politischen Machthaber unterstützen das Kardamom-Projekt aber nicht mehr, berichtet sie. Generell sei die politische Lage in Nepal nach wie vor schwierig: Auf der einen Seite grenzt das Land an China, auf der anderen Seite an das amerikanisch geprägte Indien.

Noch in Gunsakot trafen die deutschen Helfer eine junge Frau, die einen riesigen Tumor am Ohr hatte. Claußnitzer schickte sie nach Kathmandu ins Krankenhaus – die Entfernung des Tumors wurde mit Spendengeldern bezahlt. Auf ihrer Reise trafen die Frauen eine holländische Frauenärztin, die ebenfalls durch die Bergdörfer zog: Sie betreute und beriet Frauen, die nach schweren Schwangerschaften unter großen körperlichen Beschwerden litten.

Die zweite Station der Reise war Salleri, ein Dorf auf 2500 Metern Höhe. Hier wurde eine Schule besucht, in der mehr als 40 Waisenkinder leben, die ohne ihre deutschen Paten nicht zur Schule gehen könnten. In den Klassen 5 bis 10 gaben die Ärztinnen und Krankenschwestern Kurse zur Ersten Hilfe. „Das hat den Kindern so Spaß gemacht, manche haben sogar ganz wissbegierig mitgeschrieben“, sagt Claudia Stall. Anne Claußnitzer lacht und ergänzt: „Ab dem zweiten Tag haben dann auch die Lehrer zugeschaut.“ In dieser Region besichtigten Claußnitzer und ihr Team auch einen „Health Post“, der super sauber war und in dem eine nepalesische Ärztin Menschen kostenlos mit tibetischer wie auch westlicher Medizin betreute. „So muss das laufen“, ist Claußnitzers Fazit.

Im April oder Mai ist die nächste Reise geplant, sagt die rührige Frau. Claudia Stall bilanziert ihre erste Nepal-Reise positiv: „Es ist dort mit relativ einfacher Arbeit möglich, zu helfen.“ Die Nepalesen hat sie als fröhliche und freundliche Menschen wahrgenommen. Ob sie wieder mitgehen würde? „Na klar.“

Info Wer mehr über den Verein oder Spendenmöglichkeiten erfahren will, der kann sich auf der Internetseite informieren: www.nepali-rotznaeschen.de.

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