Reutlingen Das fliegende Klassenzimmer

LTT-Projekt in Reutlingen: (von links) Dr. Werner Ströbele, Thorsten Weckherlin, Christine Will, Lars Helmer.
LTT-Projekt in Reutlingen: (von links) Dr. Werner Ströbele, Thorsten Weckherlin, Christine Will, Lars Helmer. © Foto: Kathrin Kipp
KATHRIN KIPP 27.01.2015
Das Tübinger LTT will transparent, bürgernah und ein "Gebrauchstheater" sein, sagt Intendant Thorsten Weckherlin. Deshalb gibt's jetzt an der Reutlinger Bodelschwingh-Schule ein neues Theaterprojekt.

Das LTT heißt eigentlich "Landestheater Württemberg-Hohenzollern Tübingen Reutlingen" und wird auch von Reutlingen mitfinanziert. Um den Namen weiter in Taten zu verwandeln, will LTT-Chef Thorsten Weckherlin künftig auch in der Achalmstadt mehr Präsenz zeigen. Mit Dramaturg Lars Helmer hat er jetzt ein niederschwelliges Angebot für Schüler ins Leben gerufen, bei dem nicht die Schüler ins Theater gehen, sondern das Theater in die Schule geht.

Sprich: Lars Helmer macht mit der 6. Klasse der Reutlinger Bodelschwinghschule seit Herbst 2014 gemeinsame Theatersache. Ein solches Projekt habe bei ihnen schon längere Tradition, wenn auch nicht in Reutlingen, sondern in Weckherlins und Helmers früherer Wirkungsstätte, dem Landestheater Dinslaken, von wo aus Lars Helmer acht Jahre lang eine Theater AG an der Bönninghardt-Förderschule geleitet hat, mit insgesamt sieben öffentlichen Aufführungen. Dieses Projekt führt er nun quasi an der Bodelschwinghschule weiter.

Weder der Schule, noch der Stadt entstehen dadurch irgendwelche Kosten, worüber sich auch Dr. Werner Ströbele als Kulturamtschef freut, genauso wie darüber, dass das LTT neben der Theateroffensive zukünftig verstärkt in Reutlingen Flagge zeigen will. Und seinem klassischen Bildungsauftrag sogar direkt an einer Schule nachkommt: "Eine runde Sache", wenn Kinder und Jugendliche nicht nur (Medien) konsumieren, sondern selbst mitmachen und sich einbringen können, so Ströbele. Seit Herbst "unterrichtet" Lars Helmer in der 6. Klasse (fünf Jungs, drei Mädchen) Theater - zwei Schulstunden die Woche. Zu Weihnachten gab's schon die erste Aufführung, ein Krippenspiel. Aber insgesamt sei das Vorhaben eher "ergebnisoffen", so Helmer. Oberstes Ziel sei nicht ein fertiges Stück, sondern das Miteinander-Spielen mit den Mitteln des Theaters.

Dafür erarbeitet sich die Klasse gerade eine Art "Fliegendes Klassenzimmer". Von Erich Kästners Story lassen sie sich aber nur grob inspirieren. Im Zentrum, heißt es, steht ein Kriminalfall, bei dem ein Mädchen entführt werde und ihre Mitschüler sich zusammentun müssen, um ihr zu helfen. Die Jugendlichen improvisieren dabei viel, entwickeln Handlung und Rollen selbst. Und es gibt auch keine "festen Rollenbesetzungen", damit sich alle mal in die Rolle der Schüler, Lehrer, Täter und Opfer hineindenken und die Sache aus verschiedenen Perspektiven besichtigen können.

Außerdem sei es wichtig, so Helmer, dass in so einem Theaterprojekt die Themen und Sorgen der Schüler mit einfließen. So lernen sie "Selbstvertrauen und Selbstverständnis", lernen "Teil einer Gruppe" zu sein, mit Schwerpunkt Kommunikation. Nebenbei werden "Stimme, Sprache, Klangfarbe" einer Aussage und "das Auftreten vor der Gruppe" gelernt, sagt Schulleiterin Christine Will: Alles wichtige Dinge, weil Förderschüler sehr oft damit konfrontiert seien, dass sie missverstanden werden.

In so einem Projekt würde außerdem das Aufeinander-Eingehen trainiert und die Erkenntnis der eigenen Wertigkeit: "Ich kann was, und ich trau mich, das auch zu zeigen." Christine Will war auch schon ganz begeistert von dem kleinen Krippenspiel, das richtig "magisch" gewesen sei. Eher weniger Zauber herrsche in den wöchentlichen Theaterstunden, meint Helmer, der mit seiner kleinen Truppe extra in den Musikraum geht, weil man da Krach machen kann. Aber so eine Aufführung sei immer gut, um zu erfahren, "jetzt wird's ernst, wir machen genau das, was wir einstudiert haben und disziplinieren uns, auch wenn wir gerade eine alberne Phase haben". Auch er findet, dass gemeinsames Theaterspielen das "Bewusstsein für sich und die anderen" schult und eine "Sensibilisierung für das eigene Verhalten" stattfindet. Denn Schauspiel sei "Aktion und Reaktion". Sollte es am Ende doch zu einer Aufführung kommen, steht das LTT dem Projekt mit seiner ganzen technischen Infrastruktur zur Seite.