Tübingen Das Balzverhalten der menschlichen Spezies

Tübingen / KATHRIN KIPP 12.07.2016
Kosmisches Zwei-Welten-Theater: Mit viel Musik und Hippiecharme entführt das LTT locker-luftig-parodistisch ins Paralleluniversum der Liebe.

Zwei Welten wohnen, ach! in meiner Brust: In der einen Welt herrschen Macht, Gewalt, Künstlichkeit und patriarchale Unterdrückung. In der anderen Glückseligkeit, Natur, Freiheit, Kunst, Philosophie, Diskurs und Liebe, aber auch der Zwang, sich irgendwie Nahrung besorgen zu müssen.

Beide Universen sind Ausdruck derselben Menschlichkeit. In „Wie es euch gefällt“ treffen sich alle Freigeister im Wald von Arden, wo man das Leben spielen, experimentieren, diskutieren und lieben kann. Auch das LTT-Ensemble unter der Regie von Jan Jochymski will nur spielen. Kosmisches Natur-Theater machen.

Dazu muss es aber erst mal durch die patriarchale Hölle, wo es martialisch knallt, dampft und brüllt. Wo eine schwarze, machtgierige Marionette des Bösen (Lukas Umlauft als Oliver) herumkrakeelt, mit einer Fliegenklatsche wedelt und das Publikum zum Applaus zwingt. Noch schlimmer gebärdet sich Herzog Frederick (Raphael Westermeier) als eine Art Burschenschaftler-General. In der Ecke wütet ein Ringer, ein Iron Man, der brüllt wie ein tontechnisch verzerrter Löwe. Man wähnt sich in einem bösen Comic.

Aber während sich die Männer noch die Köpfe einschlagen, entwerfen die beiden goldigen und übermütigen Herzdamen Rosalind (Franziska Beyer) und Celia (Carolin Schupa) schon ihr Paralleluniversum, herzen, scherzen, necken und lieben sich. Sie wissen genau, auf was es im Leben ankommt: auf interessante Liebesexperimente und knackige Unterhaltung. Deshalb sind sie auch schwerst beeindruckt, als Orlando (Patrick Schnicke) den drachigen Ringer bezwingt.

Die Regie verschießt also schon in den ersten Szenen ordentlich Pulver und zieht die Terrorwelt mit viel Übertreibung, Parodie und Ironie ins Lächerliche. Das war schon immer vielleicht kein effektives, aber immerhin tröstliches Mittel gegen unmenschliche Systeme. Auch die Lebenslust und Experimentierfreude der zwei munteren Girls passt nicht ins System, weshalb sie wie Orlando vom Hof verjagt werden, kurz nachdem Rosalind und Orlando noch von Amors Pfeil getroffen wurden.

Woraufhin Patrick Schnicke durch den Wald irrt, schlimme Liebes-Verse schmiedet und zettelweise an die Bäume heftet. Aber im Ardenner Wald werden alle so akzeptiert, wie sie sind – „Hier bin ich Mensch, hier kommt ein Reim“ – auch liebeskranke „Baumfrevler“ und Poesieverbrecher. Aber Orlando hat auch was zu bieten: Mit seinem Wunderklavierkasten schmachtet er kitschige-zarte Schmonzetten in die klare, nur von tausend tänzelnden Mücken bevölkerte Nachtluft. Im utopistischen Gegenentwurfsgehölz verbreiten derweil zahlreiche Exil-Hippies beseelte Love-and-Peace-Stimmung, mit putzigen Requisiten und herzallerliebsten Blümchen (Bühne und Kostüme: Sabine Schmidt).

Alle sind „total gut drauf“, verteilen Streicheleinheiten, umarmen Bäume und hören zu, wie die Steine singen. Nostalgie macht sich auch im Publikum breit, wenn die langhaarigen Luftikusse auf dem schmalen Grat zwischen Parodie, Folklore und echtem Idealismus wandeln, der vor ein paar Jahrzehnten noch möglich war.

Raphael Westermeier verstrahlt als verbannter Herzog Ferdinand mit Dreadlocks und Inka-Teppich-Umhang eine echte Glücksaura, schätzt schon längst die Vorzüge des zwanglosen Märchenlebens, bekommt aber auch immer wieder kleine Rückfälle und will Tiere töten, um sie zu essen. Ist eben auch nur ein Mensch. Die andern gehen lieber auf Pilzfang. Zwischendurch darf der melancholische Natur-Philosoph Jacques (Michael Ruchter) legendäre Shakespeare-Weisheiten – „Die Welt ist eine Bühne“ – zum Besten geben, während sich auf dem Bauwagen die Rock‘n‘Roll-Band formiert und ein süßer Backgroundchor aus Schäfchen Stellung bezieht: ohne Musik (von Maria König) kein Freiheitsgefühl. Rosalind und Celia haben auf ihrer Liebesexpedition den ausgebrannten Hof-Narren (Andreas Guglielmetti) mitgenommen: ein typischer Einerseits-Andererseits, der das beliebte Oliver-Kahn-Postulat „Eier, wir brauchen Eier!“ eifrig in die Tat umsetzt.

Überall tauchen Echt-, Kunst- und Leucht-Eier auf: als Fruchtbarkeitssymbol oder reiner Unsinn, das ist hier die Frage. Die beiden Girls geben als aufgeregte Hühner den Ton an, machen Disko, plappern, leiden, spielen, dass es eine wahre Freude ist. Mit Orlando spielt Rosalind in Männerverkleidung das Genderspiel und das Balzverhalten von Großstädtern im Wald durch wie in einem Heinz-Sielmann-Film.

In der naturbelassenen Utopie-Sphäre tummeln sich außerdem jede Menge Schäfer als Parodie auf das Nachhaltige, Romantische, Authentische, Fellige. Sie knattern mit einem „Viel Lärm um Nichts 3“-Rasenmäher über die Bühne und führen weitere Spielarten und Verfolgungsjagden der Liebe vor. Der junge Silvius (Thomas Zerck) als hysterischer Verehrer der zickigen Phoebe (Laura Sauer). Der triebgesteuerte Narr,„die alte Sau“, ist hinter Traute (Hildegard Maier) her: Aber ohne Trauschein geht da gar nix.

Zwar geht eine Liebe immer in Richtung Ende, heißt es irgendwann, dafür wird’s aber am Ende dieser Komödie immer kitschiger und inbrünstiger, mit großartigen Schmacht-Hymnen wie das in diesem Fall programmatische „I Believe In Women, My Oh My“. Und alle fallen sich in die Arme. Nur der Philosoph fragt noch nach dem Sinn des Lebens. Sehr schön das alles.

Weitere Vorstellungen

„Wie es euch gefällt“ – die nächsten Aufführungen: 14. bis 17., 21. bis 24., 28. bis 31.Juli und 4. bis 6. August, auf der Tübinger Neckarinsel (Platanenallee), jeweils um 20.30 Uhr.

Tickets: ? (0 70 71) 1592 49, per E-Mail an kasse@landestheater-tuebingen.de und auf www.landestheater-tuebingen.de.

Stückeinführung im Boot: An den drei kommenden Sonntagen können Zuschauer per Stocherkahn zur Neckarinsel schippern und bekommen dabei eine Stückeinführung zur Shakespeare-Komödie „Wie es euch gefällt“. Es geht los um 19.30 Uhr vom Hölderlin-Turm. Dauer der Überfahrt zirka 30 Minuten.

Am 17. Juli ist Dramaturgin Kerstin Grübmeyer mit an Bord, am 24. Juli Oberspielleiter Christoph Roos und am 31. Juli Intendant Thorsten Weckherlin.

Kosten: inklusive Getränk und Theaterkarte 40 Euro.

Karten: Tübinger Verkehrsverein ? (0 70 71) 9136-0 oder per E-Mail an mail@tuebingen-info.de.

Weitere Vorstellungen

„Wie es euch gefällt“ – die nächsten Aufführungen: 14. bis 17., 21. bis 24., 28. bis 31.Juli und 4. bis 6. August, auf der Tübinger Neckarinsel (Platanenallee), jeweils um 20.30 Uhr.

Tickets: ? (0 70 71) 1592 49, per E-Mail an kasse@landestheater-tuebingen.de und auf www.landestheater-tuebingen.de.

Stückeinführung im Boot: An den drei kommenden Sonntagen können Zuschauer per Stocherkahn zur Neckarinsel schippern und bekommen dabei eine Stückeinführung zur Shakespeare-Komödie „Wie es euch gefällt“. Es geht los um 19.30 Uhr vom Hölderlin-Turm. Dauer der Überfahrt zirka 30 Minuten.

Am 17. Juli ist Dramaturgin Kerstin Grübmeyer mit an Bord, am 24. Juli Oberspielleiter Christoph Roos und am 31. Juli Intendant Thorsten Weckherlin.

Kosten: inklusive Getränk und Theaterkarte 40 Euro.

Karten: Tübinger Verkehrsverein ? (0 70 71) 9136-0 oder per E-Mail an mail@tuebingen-info.de.