Das alte "Glomb" sollte einfach weg

SWP 31.08.2013

Spätestens seit 1803, als Reutlingen die Funktion einer Freien Reichsstadt verloren hatte und württembergische Oberamtsstadt wurde, hatte die Stadtbefestigung ihren Sinn verloren. Denn jetzt gab es praktisch keinen potenziellen Feind mehr. Aber im Grunde genommen war sie schon seit dem ausgehenden Mittelalter aufgrund der veränderten Wehrtechnik veraltet und nutzlos geworden.

Deshalb wurde sie auch von den Bürgern zweckentfremdet und ihrem Schicksal überlassen. Auf den Wehrgängen häufte sich allerlei Unrat; außerdem wurden diese als Lagerplatz, insbesondere für Brennholz benutzt, weil in den engen Gassen und in den Häusern dafür nicht genügend Platz war. Ferner wurden die witterungsbedingten Schäden nicht mehr ausgebessert, so dass die Stadtmauer zu Beginn des 19. Jahrhunderts an vielen Stellen marode und baufällig war.

Man sieht, wie brüchig und baufällig das Mauerwerk der Stadtmauer in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war. Der Wehrgang ist eingebrochen und mit Gras überwuchert. In einem Bild sind zwei Anwohnerinnen im so genannten "Gassensitz" zu sehen, die mit der Herstellung von Häkel-, Strick- oder Klöppelarbeiten vor ihrer Behausung beschäftigt sind.

Dies waren für Friedrich List die Gründe, auf die Gefahren der Stadtbefestigung aufmerksam zu machen, als er 1816 vom württembergischen Innenministerium den Auftrag erhielt, sich nach Reutlingen zu begeben, um sich mit dem Bürgermeister und dem Magistrat der Stadt über die vorhandenen Missstände und Schwachstellen in der Gemeindeverwaltung zu beraten und Verbesserungsvorschläge auszuarbeiten.

Bei diesen Beratungen kam neben vielen anderen Punkten auch die Stadtbefestigung zur Sprache. List gab zu bedenken, dass der Unterhalt der Tore, Türme, Mauern und Vorwerke sehr kostspielig sei. Der ursprüngliche Zweck der Bauwerke sei weggefallen, und sie schadeten jetzt der Gesundheit und Bequemlichkeit. Ganz besonders zu beanstanden, weil sehr feuergefährlich für die ganze Stadt, sei die hölzerne Bedeckung der Stadtmauer durch das dort gelagerte Brennmaterial. Er befürchte ein ähnliches Unglück wie 1726, zumal es in der Stadt auch danach immer wieder kleine Brände gegeben hatte. Bürgermeister Wunderlich, der die Diskussion leitete, pflichtete diesen Argumenten bei. Er sehe die Gefährlichkeit der Sache ein, und man habe schon öfters mit dem Magistrat darüber gesprochen; man habe eine Strafe darauf gesetzt, dass niemand etwas auf der Stadtmauer lagern solle. Aber dies alles habe nicht den gewünschten Erfolg gebracht. Er sei deshalb auch mit dem Abbruch der Holzbedeckung einverstanden. So weit wollte List aber nicht gehen. Er plädierte dafür, zunächst einen Bausachverständigen mit der Ausarbeitung eines Planes für dieses Vorhaben zu beauftragen und - was für ihn besonders wichtig war - den Plan der Bürgerschaft bekannt zu machen und nicht über die Köpfe der Bürger hinweg eine Entscheidung zu treffen. List sprach sich also für ein behutsames Vorgehen aus.

Als vier Jahre später mit dem Zuschütten des Stadtgrabens und mit dem Abriss der Mauer begonnen wurde, spielte Lists Diskussionsbeitrag keine Rolle mehr. Die politische Verantwortung für die Beseitigung der Stadtbefestigung, die sich über das gesamte 19. Jahrhundert erstreckte, kommt damit faktisch den damaligen Entscheidungsgremien der Stadtverwaltung zu.

Lediglich drei Türme des inneren Mauerrings, das Tübinger Tor, das Gartentor und der Kesselturm sowie zwei der etwa 20 Zwingertürme, der Eisturm und der Runde Turm sowie kleinere Teile des Wehrganges an der Stadtmauerstraße und am Oberen Bollwerk sind vom Abriss verschont geblieben.

Dass das Tübinger Tor nicht auch dem Abriss zum Opfer gefallen ist, ist keine Selbstverständlichkeit. Zwischen 1860 und 1890 gab es von den Anwohnern der Katharinenstraße immer wieder die Forderung, auch dieses alte "Glomb" abzureißen; es sei finster, kahl, verwittert und baufällig. Es behindere die Stadterweiterung und werde nachts als Pissoir verwendet. Außerdem fielen ständig Ziegel, Fensterläden und Mörtel herab. Die Gegner des Abbruchs gaben zu Bedenken, dass die Reutlinger schon wegen des Feuersignals und des Uhrenschlages nicht auf das Tübinger Tor verzichten könnten. Die Abrissbefürworter konterten mit dem Argument: Im Jahre 1865 habe man ja an der Tübinger Straße die Frauenarbeitsschule gebaut und auf dem Dach einen kleinen Uhrturm errichtet. Die Reutlinger könnten nun dort sehen, wie viel Uhr es ist.

Schließlich wurden Unterschriften für den Abriss gesammelt, wobei 411 von den Anwohnern der Katharinenstraße zusammenkamen. Am Ende haben dann das allmähliche Interesse an "Altertümern" und denkmalpflegerische Gesichtspunkte dazu beigetragen, dass das Tübinger Tor erhalten geblieben ist.

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