Reutlingen Das 1245-teilige Kunst-Geschenk

Von Peter U. Bussmann 13.10.2017

Für dieses wirklich umfassende Geschenk gibt es keine passende Schleife, sagte gestern Vormittag Reutlingens Oberbürgermeisterin Barbara Bosch verständnisvoll. Insgesamt 1245 einzelne Werke umfasst die Schenkung, die die Stadt zum 1. Juli von der Stiftung für konkrete Kunst und aus dem Privatbesitz von Stiftungsgründer und -vorstandsvorsitzendem Manfred Wandel bekam. Die millionenteuren Kunstwerke werden mit Werken der konkreten Kunst, die sich bereits in städtischem Besitz befinden, die neue städtische Sammlung für konkrete Kunst bilden. Damit ist vor allem die Zukunft der Stiftungssammlung gesichert, die Manfred Wandel angesichts der auf seine Person zugeschnittenen Stiftungskonstruktion Sorge bereitete.

Man habe lange gemeinsam nach einer Lösung gesucht, „gerungen“, berichtete  Bosch, die seit 2008 als Nachfolgerin von Stiftungsgründer Albrecht Wandel im Stiftungsvorstand sitzt. Die gefundene sei eine herausragende, „eine Win-win-Situation für alle Beteiligten“. So bekomme die Sammlung in nunmehr städtischem Besitz mit allen verfügbaren Werken im 2. Obergeschoss des städtischen Museumsbaus Eberhardstraße 14 eine adäquate Ausstellungssituation.

Andererseits versicherte der passionierte Sammler Manfred Wandel nachdrücklich: „Die Stiftung endet nicht mit dieser Schenkung, wir ziehen uns nicht zurück!“ Die Stiftung für konkrete Kunst mit Wandel an der Spitze und seiner Frau Dr. Gabriele Kübler in der Geschäftsführung bleibt im Dachgeschoss des Hauses untergebracht und setzt ihre Arbeit im kleineren Rahmen fort.

Langfristig, so verriet Wandel gestern beim Gang durch die neuen städtischen Ausstellungsräume inmitten seiner verschenkten Werke, sollen auch die restlichen Werke der Stiftung und Teile aus seinem Privatbesitz noch der städtischen Sammlung zugeführt werden. Wichtig ist Wandel dabei der Verbleib in dem angestammten Gebäude, „aus dem ich väterlicherseits herkomme und in dem wir damals bewusst gelandet sind“.

Zur Erinnerung: Die Brüder Manfred und Albrecht Wandel riefen 1987 als eine der ersten großen Institutionen dieser Art die Stiftung für konkrete Kunst ins Leben und wurden damit Teil der Initiative von Ministerpräsident Lothar Späth, dezentrale Kultureinrichtungen im ganzen Land zu unterstützen. Im gleichen Jahr erwarb die Stadt das zentral gelegene historische Gebäude der Metalltuchfabrik Christian Wandel für 4,7 Millionen Mark und baute es mit Unterstützung des Landes für sieben Millionen Mark um. dort ist die Stiftung seit 1989 untergebracht. Sie „leistete hier herausragende Arbeit unrgte für einen international guten Ruf der Stadt“, lobte die OB gestern.

Jetzt also „aus eins mach zwei“ mit dieser Schenkung, sagte Bosch: Zum einen die Stiftung, die weiter sammeln und ausstellen wird, zum anderen die städtische Sammlung für konkrete Kunst im 2. OG und „peu à peu werden wir auch das Erdgeschoss für die städtische Galerie übernehmen“, kündigte sie an. Zudem ist noch der Kunstverein in dem Kulturtempel am Wandelknoten untergebracht sowie das städtische Industriemagazin.

VOLL KONKRET – Die Ausstellung zur Schenkung

Wie überreicht man ein Geschenk mit 1245 Teilen? Mit der Eröffnung der Ausstellung „VOLL KONKRET“ am Sonntag, 15. Oktober, 11 Uhr, im 2. OG im städtischen Museumsgebäude Eberhardstr. 14.

Nach der Begrüßung durch OB Barbara Bosch  spricht Petra Olschowski, Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, ein Grußwort. Florian Illes, Autor und Sprecher der Geschäftsführung Villa Grisebach, Berlin, führt in die Ausstellung ein. Stiftungs- und Schenkungsgeber Manfred  Wandel hat das Schlusswort. Gezeigt wird die gesamte Schenkung: bilder, Zeichnungen, Plastiken, Installationen, 125 Werke von 40 Künstlern, ein raum voller Kunst, konkrete Kunst, voll konkret. Die Hälfte der Werke ist sichtbar, gehängt oder gestellt, auf den Boden gelegt, die ander hälfte verpackt, in Kisten verwahrt, auf Paletten gereiht, in Kartons geschichtet, gestapelt: Ausstellungsmodus trifft auf Lagerzustand, sagt Stiftungsgeschäftsführerin Dr. Gabriele Kübler. Zugleich ist diese Ausstellung mehr als eine gewöhnliche Schaulagerpräsentation, „sie ist ein Reservoir voller dinge und Gefühle, ein Wendepunkt in der Geschichte der Stiftung für konkrete Kunst, ein Schnittpunkt von Vergangenheit und Zukunft“, so Kübler.